Eine Volkskrankheit, die schleichend beginnt
Kniearthrose, medizinisch Gonarthrose, betrifft nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) rund ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung. Die Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigen, wie steil die Kurve mit dem Alter ansteigt: Insgesamt berichten 17,9 Prozent der Erwachsenen von einer Arthrose, bei Frauen ab 65 Jahren sind es 48,1 Prozent, bei Männern derselben Altersgruppe 31,2 Prozent. Etwa die Hälfte aller Arthrosefälle betrifft das Knie.
Wer heute Mitte 50 ist, kennt das Muster meist aus der eigenen Familie – und merkt die ersten Anzeichen beim Treppensteigen oder nach dem langen Sitzen im Auto. Für die Sandwich-Generation kommt dazu, dass sie das Thema doppelt trifft: bei sich selbst und bei den Eltern, deren Mobilität über die nächsten Jahre entscheidet. Millennials wiederum begegnen der Arthrose oft früher als gedacht, nämlich als Spätfolge eines Kreuzband- oder Meniskusschadens aus der Fußballzeit.
Was die neue Leitlinie anders macht
Die Leitlinie entstand unter Federführung der DGOU zusammen mit über 20 Fachgesellschaften, Hausärzten und Patientenvertretungen und gilt bis Juli 2029. Der zentrale Satz lautet: aktive Maßnahmen vor passiver Therapie. Bewegungstherapie, die Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit fördert, steht am Anfang – nicht Wärmepackungen, nicht Spritzen.
Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn hinter der Empfehlung steckt eine unbequeme Botschaft: Der Therapieerfolg hängt zu einem großen Teil davon ab, was die Betroffenen selbst tun. Die Leitlinie spricht ausdrücklich von Eigenverantwortung und hat erstmals eine eigene Patientenleitlinie im Gepäck, damit Betroffene mitreden können. Physiotherapie wird dabei nicht als Zehnerkarte verstanden, sondern als tragende Säule über Jahre.
Warum Krafttraining hilft, lässt sich in einem Satz erklären: Eine kräftige Oberschenkelmuskulatur fängt einen Teil der Last ab, die sonst direkt auf den Knorpel geht. Das Gelenk wird stabiler geführt, die Schmerzspitzen werden seltener. Dazu kommt die Ernährung – die Leitlinie empfiehlt eine überwiegend pflanzliche, ausgewogene Kost und regelmäßige Alltagsbewegung wie Gehen oder Radfahren.
Gewicht: der Hebel mit dem größten Effekt
Wer Übergewicht hat, hat hier die stärkste Stellschraube. In der Auswertung einer dänischen Studie halbierte eine Gewichtsabnahme von mehr als zehn Prozent das Ausmaß der Schmerzen und verbesserte Funktion und Mobilität deutlich – und zwar unabhängig davon, was das Röntgenbild zeigte. Die große IDEA-Studie mit knapp 400 Teilnehmenden ergab, dass die Kombination aus Ernährungsumstellung und Bewegung besser wirkt als jeder der beiden Bausteine allein.
Der Grund ist Physik: Beim Gehen wirkt auf das Kniegelenk ein Vielfaches des Körpergewichts. Jedes Kilo weniger entlastet also mehr als ein Kilo. Fünf Kilo abnehmen ist damit keine Kosmetik, sondern Therapie.
Was wenig bringt – und was die Kasse deshalb nicht zahlt
Ein Punkt sorgt bis heute für Diskussionen: Die arthroskopische „Gelenktoilette“ bei chronischer Kniearthrose ist seit dem 1. April 2016 keine Kassenleistung mehr. Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte im November 2015 entschieden, dass hochwertige Studien keinen Nutzen gegenüber Scheinoperationen oder gar keiner Behandlung zeigen konnten. Ausgenommen bleiben Eingriffe nach einem Unfall, bei akuter Gelenkblockade oder klarer Meniskus-Indikation – auch wenn nebenbei eine Arthrose vorliegt.
Praktisch heißt das: Wird eine Arthroskopie als Selbstzahlerleistung angeboten, lohnt eine sehr genaue Nachfrage, welche Indikation genau vorliegen soll. Ähnlich kritisch sollte man Knorpelaufbaupräparate und Hyaluronspritzen betrachten, deren Nutzen umstritten ist und die häufig privat abgerechnet werden.
Am anderen Ende der Skala steht die Prothese. 2024 wurden in Deutschland rund 173.000 künstliche Kniegelenke erstmals eingesetzt, dazu kamen über 17.000 Folgeeingriffe. Eine Prothese kann ein Segen sein – aber sie ist kein Ersatz für verpasste Vorarbeit, denn auch nach der OP entscheidet die Muskulatur über das Ergebnis.
Was das kostet – und was sich 2027 ändert
Hier wird aus dem Gesundheits- ein Budgetthema. Für verordnete Physiotherapie zahlen Erwachsene in der gesetzlichen Krankenversicherung derzeit 10 Euro je Verordnung plus 10 Prozent der Behandlungskosten. Der Bundestag hat am 10. Juli 2026 das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen: Ab dem 1. Januar 2027 steigen die Zuzahlungen für Heilmittel um 50 Prozent, also auf 15 Euro je Verordnung plus 15 Prozent der Kosten. Bei mehreren Rezepten im Jahr summiert sich das spürbar.
Zwei Dinge helfen dagegen. Erstens die Belastungsgrenze: Wer mit allen Zuzahlungen über zwei Prozent des jährlichen Bruttoeinkommens kommt – bei chronisch Kranken über ein Prozent -, kann sich bei der Kasse für den Rest des Jahres befreien lassen. Dafür alle Quittungen sammeln, auch die kleinen. Zweitens die Präventionskurse nach Paragraf 20 SGB V: Rückenschul-, Kraft- und Funktionstrainingskurse werden von den Kassen bezuschusst, viele übernehmen bei regelmäßiger Teilnahme 80 bis 100 Prozent der Kursgebühr für zwei Kurse pro Jahr. Und ein Fitnessstudio mit Gerätetraining ist im Zweifel günstiger als die private Zuzahlung für Spritzen, deren Wirkung unsicher ist.
Quellen
- DGOU: Kniearthrose – Neue Leitlinie betont Eigenverantwortung und Bewegung
- AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose (187-050)
- Robert Koch-Institut: Arthrose – Prävalenz bei Erwachsenen
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Arthroskopische Verfahren bei Kniegelenk-Arthrose aus dem GKV-Leistungskatalog ausgeschlossen
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