Warum das Thema mehr Menschen betrifft, als man denkt

HPV ist keine exotische Infektion. Fast alle sexuell aktiven Menschen kommen im Lauf des Lebens damit in Kontakt, meist ohne es zu merken. In den allermeisten Fällen räumt das Immunsystem die Viren wieder ab. Bleibt eine Infektion mit bestimmten Hochrisiko-Typen aber bestehen, kann daraus über Jahre Krebs entstehen.

Bei Frauen ist das vor allem Gebärmutterhalskrebs: rund 4.300 Neuerkrankungen im Jahr 2023, etwa 1.400 Todesfälle. Bei Männern steht ein anderer Tumor im Vordergrund, der lange unterschätzt wurde – Krebs im Mundrachen. Das Robert Koch-Institut geht inzwischen davon aus, dass etwa die Hälfte aller Oropharynxkarzinome HPV-bedingt ist, deutlich mehr als früher angenommen. Dazu kommen Tumoren an Anus, Penis, Vulva und Vagina.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung deshalb für alle Kinder von 9 bis 14 Jahren, zwei Dosen, für Mädchen und Jungen gleichermaßen. Wer sie verpasst hat, soll sie bis zum 18. Geburtstag nachholen. In der Praxis passiert das oft nicht: Bei den 15-jährigen Mädchen lag die Quote für eine vollständige Impfserie 2024 bei 55 Prozent, bei den Jungen bei 36 Prozent. Zum Vergleich: Drei europäische Länder erreichen bei Mädchen 90 Prozent. Und die deutschen Zahlen bewegen sich seit Jahren kaum noch.

Das heißt konkret: Ein erheblicher Teil der heute 18- bis 30-Jährigen ist ungeimpft oder nur teilgeimpft. Bei den jungen Männern ist es fast die Hälfte.

Bringt die Impfung nach 18 überhaupt noch etwas?

Ehrliche Antwort: weniger als mit 12, aber nicht nichts. Die Impfung wirkt vorbeugend, nicht therapeutisch. Sie kann eine bestehende Infektion nicht heilen. Wer bereits Kontakt mit einem bestimmten HPV-Typ hatte, profitiert für genau diesen Typ nicht mehr.

Der Punkt ist: Der aktuelle Impfstoff schützt vor neun Virustypen. Kontakt mit allen neun hat kaum jemand gehabt. Und eine durchgemachte Infektion hinterlässt nicht zuverlässig Immunität – gerade Männer bilden nach einer HPV-Infektion oft keine schützenden Antikörper und tragen über das gesamte Erwachsenenleben ein jährliches Neuinfektionsrisiko im zweistelligen Prozentbereich.

Die deutsche S3-Leitlinie zur Impfprävention HPV-assoziierter Neoplasien empfiehlt deshalb, ungeimpfte Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren nachzuimpfen. Für Ältere gibt es diese generelle Empfehlung nicht mehr – wobei Fachgesellschaften international dafür plädieren, im Einzelfall auch darüber hinaus zu entscheiden. Der Impfstoff selbst hat übrigens gar keine obere Altersgrenze in der Zulassung.

Ein Sonderfall verdient Aufmerksamkeit, besonders für Frauen zwischen 30 und 50: Wer nach einem auffälligen Abstrich eine Konisation hatte, trägt danach ein erhöhtes Risiko für erneute Vorstufen. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass eine Impfung rund um den Eingriff dieses Risiko senkt. Die Datenlage ist nicht einheitlich, eine niederländische randomisierte Studie fand nach zwei Jahren keinen Effekt. Ein Gespräch mit der behandelnden Praxis lohnt sich hier trotzdem.

Die Kostenfrage: Satzungsleistung statt Regelleistung

Bis zum 18. Geburtstag ist die Sache klar – STIKO-empfohlene Impfungen sind Pflichtleistung der gesetzlichen Kassen, es fällt nichts an. Danach wird es zur Kassenfrage im Wortsinn.

Viele Krankenkassen zahlen die HPV-Impfung freiwillig weiter, als sogenannte Satzungsleistung. Verbreitet ist eine Altersgrenze von 26 Jahren, mal auch der Tag vor dem 26. Geburtstag, mal bis zum 27. Geburtstag. Mehrere AOKen bieten das an, die DAK-Gesundheit ebenfalls, diverse BKKen auch. Die AOK Niedersachsen erlaubt seit Januar 2026 zusätzlich, eine vor dem 27. Geburtstag begonnene Impfserie auf ihre Kosten zu Ende zu bringen.

Ohne Kostenübernahme wird es spürbar teurer. Eine Dosis Gardasil 9 liegt bei rund 160 bis 180 Euro. Ab 15 Jahren sind drei Dosen nötig, macht etwa 480 bis 540 Euro für den Impfstoff, plus Honorar für Beratung und Impfung. Insgesamt sollte man mit 550 bis 650 Euro rechnen.

Der praktische Weg – und der spart am meisten Geld – geht so:

  • Impfpass prüfen. Wer zwei oder drei Dosen dokumentiert hat, braucht nichts. Eine begonnene, nie beendete Serie muss nicht neu gestartet werden, sondern nur vervollständigt.
  • Bei der eigenen Kasse anrufen, bevor du in die Praxis gehst. Frag konkret nach der Altersgrenze und danach, ob direkt über die Karte abgerechnet wird oder ob du in Vorleistung gehst und Kostenerstattung beantragst.
  • Termin nicht schieben. Die Altersgrenzen sind hart. Wer mit 25 anfängt, hat noch Puffer; mit 26 kann eine Woche über den Beginn oder das Ende der Kostenübernahme entscheiden.
  • Ein Kassenwechsel allein wegen der Impfung rechnet sich meistens nicht – aber wenn du ohnehin über einen Wechsel nachdenkst, gehört diese Leistung in den Vergleich.

Und wenn Kinder im Haus sind

Für alle mit Kindern zwischen 9 und 14 ist die Rechnung deutlich einfacher: In diesem Alter reichen zwei Dosen statt drei, die Immunantwort ist am stärksten, und die Kasse zahlt vollständig. Es ist einer der wenigen Momente in der Gesundheitsvorsorge, in denen die medizinisch beste Option zugleich die kostenlose ist. Der Termin lässt sich problemlos mit der J1-Untersuchung verbinden.

Das gilt ausdrücklich auch für Jungen. Die Impfempfehlung für sie besteht seit 2018, aber in vielen Köpfen steckt noch die Vorstellung, HPV sei ein reines Frauenthema. Die Zahlen zum Rachenkrebs sagen etwas anderes.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ob eine HPV-Impfung im Einzelfall sinnvoll ist, klärst du am besten in deiner haus-, frauen- oder hautärztlichen Praxis. Angaben zu Kostenübernahmen sind Momentaufnahmen und können sich je nach Krankenkasse und Satzung ändern.
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Quellen