Wie groß der Einfluss wirklich ist
Die BaFin hat dazu belastbare Zahlen erhoben. In einer repräsentativen Verbrauchererhebung unter 1.000 Anlegerinnen und Anlegern zwischen 18 und 45 Jahren gab mehr als die Hälfte an, schon einmal Informationen von einem Finfluencer bekommen zu haben. Etwa die Hälfte davon kaufte anschließend genau das empfohlene Produkt. Und 60 Prozent der Befragten sehen soziale Medien als gute Alternative zur professionellen Beratung.
Interessanter als die Reichweite ist aber, was sich im Depot niederschlägt. Von denen, die schon Infos von Finfluencern erhalten hatten, hatten 48 Prozent bereits Kryptowerte gekauft. In der Vergleichsgruppe ohne Finfluencer-Kontakt waren es 13 Prozent. Das ist kein kleiner Unterschied, sondern fast das Vierfache. Wer Finanzinhalte auf Social Media konsumiert, investiert messbar spekulativer.
Das heißt nicht, dass jeder Kanal Schrott ist. Es gibt hervorragende deutschsprachige Formate, die Grundlagen so erklären, wie es die Schule versäumt hat – laut Jugendstudie des Bankenverbands finden rund 80 Prozent der jungen Erwachsenen, dass sie in der Schulzeit kaum etwas über Wirtschaft und Finanzen gelernt haben. Diese Lücke fuellt jemand. Die Frage ist nur, wer.
Was seit Januar 2026 gilt
Am 9. Januar 2026 haben die BaFin und die europäische Wertpapieraufsicht ESMA ein gemeinsames Merkblatt für Finfluencer veröffentlicht. Zwei Punkte daraus sind auch für Zuschauer nützlich.
Erstens: Wer konkret empfiehlt, welches Finanzprodukt man kaufen, halten oder verkaufen soll, kann damit bereits erlaubnispflichtige Anlageberatung betreiben – auch öffentliche Einschätzungen zur Kursentwicklung einzelner Wertpapiere können darunterfallen. Zweitens, und das ist der praktische Teil: Der beliebte Satz „Das ist keine Anlageberatung“ schützt rechtlich nicht zuverlässig. Er ist also kein Gütesiegel, sondern eher ein Hinweis darauf, dass jemand die Grenze kennt und trotzdem darüber läuft.
Die BaFin beaufsichtigt Finfluencer nicht direkt. Sie hat aber angekündigt, 2026 ein stichprobenartiges Marktscreening bei deutschsprachigen Kanälen auf YouTube und Instagram durchzuführen. Und sie warnt sehr deutlich vor einem bestimmten Format: Chatgruppen. Rund 100 Warnungen vor unseriösen oder betrügerischen Gruppen – meist auf WhatsApp – hat die Behörde allein 2025 veröffentlicht.
Der Sechzig-Sekunden-Check
Fünf Fragen reichen in den allermeisten Fällen aus, bevor du ein Video ernst nimmst.
- Wer verdient hier woran? Suche nach Werbekennzeichnung, Affiliate-Hinweis, Rabattcode oder „Link in Bio“. Ein Broker-Empfehlungslink ist nicht per se schlimm – fehlt der Hinweis darauf aber, ist das ein Ausschlusskriterium.
- Wird ein Produkt genannt oder ein Prinzip erklärt? „So funktioniert ein ETF-Sparplan“ ist Bildung. „Kauf diesen Coin bis Freitag“ ist Vertrieb.
- Kommt Zeitdruck vor? Countdown, „nur noch heute“, „bevor es alle wissen“. Künstliche Dringlichkeit ist die verlässlichste Warnleuchte, die es gibt. Seriöse Geldanlage funktioniert auch nächste Woche noch.
- Wird über Risiko gesprochen? Wer nur Renditen zeigt und nie einen Verlust, blendet die Hälfte der Realität aus. Bei Kryptowerten reicht ein Blick auf die BaFin-Zahlen: Ethereum fiel Anfang 2025 binnen vier Monaten um 54 Prozent – und verdoppelte sich danach fast wieder.
- Soll ich in eine Gruppe wechseln? Wenn die Empfehlung lautet, in eine WhatsApp-, Telegram- oder Discord-Gruppe zu kommen, um „die eigentlichen Tipps“ zu bekommen: nicht folgen. Genau dort setzt laut BaFin der Anlagebetrug an, oft mit falschen Identitäten und aggressivem Nachfassen.
Für wen das besonders zählt
Wenn du Anfang 20 bist und gerade dein erstes eigenes Geld verdienst, bist du die interessanteste Zielgruppe des Marktes – nicht weil du viel hast, sondern weil du lange hast. Das ist auch der Grund, warum ein schlechter Start teuer ist: Ein Totalverlust mit 22 kostet dich nicht 500 Euro, sondern 500 Euro plus vierzig Jahre Zinseszins. Umgekehrt gilt dasselbe im Guten, und deshalb lohnt sich die eine Minute Prüfung.
Für Millennials in der Familienphase kommt ein anderer Punkt dazu: Zeitmangel macht empfänglich für Abkürzungen. Ein Reel, das verspricht, in 30 Sekunden das zu erklären, wofür sonst ein Abend nötig wäre, trifft genau den wunden Punkt. Und für die Gen X, die häufig beides gleichzeitig managt – eigene Ruhestandsplanung und Kinder, die gerade ihr erstes Depot eröffnen – ist der nützlichste Beitrag oft kein Ratschlag, sondern eine Frage am Abendbrottisch: Wer hat dir das empfohlen, und was hat der davon?
Woran man gute Quellen erkennt
Seriöse Kanäle haben ein paar unspektakuläre Gemeinsamkeiten. Sie nennen ihre Quellen und verlinken sie. Sie erklären Kosten, nicht nur Renditen. Sie sagen offen, wenn sie etwas nicht wissen. Sie empfehlen selten einzelne Produkte und fast nie mit Zeitdruck. Und sie langweilen ein bisschen – weil breit gestreutes, langfristiges Anlegen tatsächlich langweilig ist.
Als Gegenprobe helfen Stellen ohne Verkaufsinteresse: die Verbraucherzentralen, die Verbraucherseiten der BaFin, die Deutsche Rentenversicherung für alles rund um die Altersvorsorge. Wenn eine Aussage aus einem Video dort nicht auftaucht oder sogar widerlegt wird, hat sich die Minute bereits gelohnt.