Für den verstauchten Knöchel gibt es eine klare Routine: kühlen, schonen, notfalls zum Arzt. Für die Psyche haben die meisten Menschen keine, dabei wäre sie dort genauso nützlich. Fast jeder zweite Mensch in Deutschland erlebt im Laufe des Lebens eine psychische Erkrankung, und die wenigsten wissen im entscheidenden Moment, wo man eigentlich anruft. Dieser Artikel ist die Routine zum Abheften: Warnzeichen, erste Schritte, Anlaufstellen mit Nummern.

Warnzeichen: Wann es mehr ist als eine schlechte Phase

Jeder hat mal zwei miese Wochen. Aufmerksam werden sollte man, wenn mehrere dieser Zeichen über längere Zeit zusammenkommen und nicht mehr von selbst abklingen:

  • Anhaltende Niedergeschlagenheit oder innere Leere, auch an objektiv guten Tagen
  • Verlust von Interesse und Freude an Dingen, die früher wichtig waren
  • Sozialer Rückzug: Verabredungen absagen wird zur Regel, nicht zur Ausnahme
  • Dauerhafte Schlafprobleme, Erschöpfung, die durch Ausruhen nicht besser wird
  • Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, ständiges Grübeln
  • Körperliche Beschwerden ohne Befund, Magen, Kopf, Herzklopfen

Als grobe Faustregel gilt: Halten solche Veränderungen länger als zwei Wochen durchgängig an oder schränken sie den Alltag spürbar ein, ist das ein Grund, sich Unterstützung zu holen, kein Beweis für eine Erkrankung, aber ein Anlass, das abklären zu lassen. Genau wie beim Knöchel: Man wartet nicht, bis nichts mehr geht.

Erste Hilfe, die du selbst leisten kannst

Selbsthilfe ersetzt keine Behandlung, aber sie stabilisiert. Drei Dinge haben sich bewährt: Darüber sprechen, mit einer vertrauten Person, ehrlich statt „alles gut“. Aussprechen ordnet, und die meisten Menschen reagieren besser, als man befürchtet. Grundbedürfnisse ernst nehmen, Schlaf, Mahlzeiten, Tageslicht und Alltagsroutine sind bei psychischer Belastung keine Nebensache, sondern das Fundament (mehr dazu in Besser schlafen und Stress abbauen). Den Radius klein halten, in schweren Phasen ist „heute einen Anruf erledigen“ ein legitimes Tagesziel. Überforderung durch zu große Pläne verschlimmert den Zustand.

Was nicht hilft: sich zusammenreißen. Psychische Erkrankungen sind keine Willensfrage, niemand käme auf die Idee, einen Beinbruch mit Disziplin zu behandeln.

Anlaufstellen: Wen du wann anrufst

  • Sofort und rund um die Uhr, TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Kostenlos, anonym, 24 Stunden täglich, auch per Chat und Mail. Man muss keine „echte Krise“ vorweisen, zuhören ist der Zweck des Angebots.
  • Erste ärztliche Anlaufstelle, die Hausarztpraxis: Sie kann körperliche Ursachen ausschließen, erste Behandlungsschritte einleiten und überweisen. Für viele der niedrigschwelligste Einstieg.
  • Der Weg zur Psychotherapie, Terminservicestelle 116117: Vermittelt gesetzlich Versicherten einen Termin für die psychotherapeutische Sprechstunde, ohne Überweisung, die Ersteinschätzung durch eine Therapeutin oder einen Therapeuten. Von dort wird der weitere Behandlungsbedarf festgelegt. Die Kosten der Psychotherapie trägt die gesetzliche Krankenkasse.
  • Im Notfall, 112: Bei akuter Gefahr für das eigene Leben oder das anderer gilt dasselbe wie beim Herzinfarkt: Notruf. Alternativ ist die psychiatrische Notaufnahme jeder Klinik jederzeit offen.

Die Wartezeit-Falle, und wie du sie umgehst

Der häufigste Grund, warum Menschen den Weg abbrechen: Auf einen regulären Therapieplatz wartet man vielerorts Monate. Wichtig zu wissen: Die psychotherapeutische Sprechstunde über die 116117 bekommt man deutlich schneller, und sie ist der offizielle Einstieg, der auch die Dringlichkeit dokumentiert. Wer akut schlecht dran ist, sagt das am Telefon ausdrücklich; dafür gibt es die Akutbehandlung als schnellere Schiene. Und die Zeit bis zum Termin muss niemand allein überbrücken, dafür sind TelefonSeelsorge und Hausarztpraxis da.

Warum wir das auf einem Finanzblog schreiben

Weil beides zusammenhängt, in beide Richtungen. Geldsorgen gehören zu den häufigsten Dauerbelastungen überhaupt, und umgekehrt kosten unbehandelte psychische Erkrankungen oft Erwerbsfähigkeit und damit Existenzgrundlage. Wie chronische Belastung Geldentscheidungen verschlechtert, steht im Artikel über den stillen Feind. Die Reihenfolge ist trotzdem eindeutig: erst stabilisieren, dann sortieren. Kein Depot ist so wichtig wie der Mensch, der es bespart.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112.

Quellen