Prostatakrebs ist mit Abstand die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Das Robert Koch-Institut zählte für 2022 rund 74.900 Neuerkrankungen; etwa jede dritte Krebsdiagnose bei Männern betrifft die Prostata. Rund 15.000 Männer sterben jährlich daran, womit Prostatakrebs die zweithäufigste Krebstodesursache bei Männern ist. Gleichzeitig sind die Heilungschancen bei früher Entdeckung sehr gut – die relative 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei etwa 92 Prozent. Vor dem 50. Lebensjahr tritt die Erkrankung selten auf, das durchschnittliche Alter bei Diagnose liegt um 72.
Was sich in der Leitlinie geändert hat
Im Juli 2025 hat das Leitlinienprogramm Onkologie die S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom in ihrer achten Version veröffentlicht – erarbeitet unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Urologie und mit 21 weiteren Fachgesellschaften. Die zentrale Neuerung: Die Tastuntersuchung über den Enddarm, die sogenannte digital-rektale Untersuchung, wird zur Früherkennung erstmals ausdrücklich nicht mehr empfohlen.
Der Grund ist keine Ideologie, sondern Statistik. Mit dem Finger lassen sich nur Tumoren ertasten, die schon eine gewisse Größe haben – Studien zufolge findet die Tastuntersuchung allein nur etwa eines von drei vorhandenen Prostatakarzinomen. Gleichzeitig produziert sie Verdachtsbefunde, die sich später nicht bestätigen, und jede Abklärung hat ihren Preis: Verunsicherung, MRT, im schlechtesten Fall eine unnötige Gewebeentnahme. Dass regelmäßiges Abtasten die Sterblichkeit senkt, ist bis heute nicht belegt.
Stattdessen empfiehlt die Leitlinie ein risikoangepasstes Vorgehen auf Basis des PSA-Werts – einem Eiweiß, das fast nur die Prostata bildet und das Krebszellen in größeren Mengen produzieren. Männern ab 45 soll der Test nach einem ärztlichen Aufklärungsgespräch angeboten werden. Das Ergebnis bestimmt dann, wie es weitergeht:
- PSA unter 1,5 ng/ml: niedriges Risiko, nächster Test erst in fünf Jahren.
- PSA 1,5 bis 2,99 ng/ml: Wiederholung alle zwei Jahre.
- PSA ab 3,0 ng/ml: Kontrollmessung innerhalb von drei Monaten. Bestätigt sich der Wert, folgt die urologische Abklärung und je nach Risiko ein MRT der Prostata.
Wer eine bekannte BRCA2-, MSH2- oder MSH6-Mutation trägt, soll bereits ab 40 beginnen – und zusätzlich ein MRT erhalten. Bei Prostatakrebs in der Familie bleibt es beim Start ab 45. Neu ist auch: Zeigt das MRT einen unauffälligen Befund (PI-RADS 1 oder 2), soll auf eine Biopsie verzichtet werden. Und bei Tumoren mit niedrigem Risiko empfiehlt die Leitlinie nur noch die aktive Überwachung statt Operation oder Bestrahlung.
Die Kasse zahlt weiter das Alte
Hier beginnt der praktische Ärger. Die gesetzliche Krebsfrüherkennungsrichtlinie wurde durch das Leitlinien-Update nicht geändert – Leitlinien sind ärztliche Empfehlungen, über den Leistungskatalog entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Bezahlt wird für Männer ab 45 deshalb weiterhin einmal jährlich: Beratungsgespräch, Untersuchung der äußeren Geschlechtsorgane, Abtasten der Leistenlymphknoten – und die Tastuntersuchung der Prostata.
Der PSA-Test zur Früherkennung ist dagegen eine individuelle Gesundheitsleistung, also Selbstzahlerleistung. Der Krebsinformationsdienst des DKFZ beziffert die Laborkosten mit 15 bis 25 Euro; kommt ein separates Beratungsgespräch dazu, landet man in der Praxis meist bei 30 bis 50 Euro. Eine wichtige Ausnahme: Besteht nach der Tastuntersuchung ein konkreter Krebsverdacht, übernimmt die Kasse den PSA-Test und die weitere Abklärung. Privatversicherte sollten die Kostenübernahme vorab klären.
Bewegung gibt es allerdings: Am 16. Oktober 2025 hat der G-BA ein Beratungsverfahren über ein risikoadaptiertes Screening mit PSA-Test und MRT gestartet – beantragt von der Patientenvertretung und dem unparteiischen Vorsitzenden Josef Hecken. Zunächst bewertet das IQWiG die Studienlage; diesen Bericht erwartet der G-BA für Oktober 2026, also jetzt. Danach berät der Ausschuss über die Ausgestaltung, ein Ergebnis soll spätestens im Oktober 2027 vorliegen. Bis dahin ändert sich für Patienten nichts.
Nutzen und Schaden, in Zahlen
Der PSA-Test ist auch unter Fachleuten kein unumstrittenes Instrument, und wer ihn bezahlt, sollte wissen, was er kauft. Nach den Daten des Krebsinformationsdienstes gilt: Von 1.000 Männern, die regelmäßig am PSA-Screening teilnehmen, sterben etwa drei nicht an Prostatakrebs, die ohne Screening daran gestorben wären; bei rund vier Männern lassen sich Metastasen verhindern.
Dem stehen Überdiagnosen gegenüber – langsam wachsende Tumoren, die ein Leben lang nie Beschwerden gemacht hätten. Der IGeL-Monitor des Medizinischen Dienstes veranschlagt bis zu 60 von 1.000 Teilnehmern. Ein erhöhter PSA-Wert hat außerdem oft harmlose Ursachen; etwa eine von vier Biopsien bleibt unauffällig, obwohl der Wert erhöht war. Genau hier liegt die Hoffnung des G-BA-Verfahrens: dass das zwischengeschaltete MRT und die aktive Überwachung statt sofortiger Therapie die unnötigen Eingriffe deutlich reduzieren.
Für die Sandwich-Generation zwischen 45 und 60 heißt das konkret: Der Termin, den viele Männer seit Jahren vor sich herschieben, ist nach wie vor sinnvoll – nur nicht wegen der Tastuntersuchung, sondern wegen des Gesprächs. Fragen Sie aktiv nach dem PSA-Test, nach Vorerkrankungen in der Familie und nach den Kosten. Wer 50 Euro für ein Streaming-Abo im Jahr ausgibt, ohne nachzudenken, kann diese Ausgabe auch einordnen. Und wenn im Vorjahr ein Wert unter 1,5 gemessen wurde, ist die nächste Kontrolle erst in fünf Jahren fällig – auch das ist eine Entlastung, zeitlich und finanziell.
Millennials und Gen Z müssen sich mit dem Thema noch nicht selbst beschäftigen, wohl aber mit einer Frage: Gibt es Prostatakrebs in der eigenen Familie? Diese Information ist medizinisch wertvoll, und sie lässt sich beim nächsten Familienbesuch klären – deutlich leichter, als sie sich später rekonstruieren lässt.
Quellen
- Krebsinformationsdienst (DKFZ): Prostatakrebs – Vorsorge und Früherkennung
- Deutsche Gesellschaft für Urologie: S3-Leitlinie Prostatakarzinom aktualisiert (Version 8.0, Juli 2025)
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Beratungsverfahren zum risikoadaptierten Prostatakrebs-Screening
- IGeL-Monitor: PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs