Ein verschuldeter Offizier ohne Studium, eine Hinterhof-Werkstatt in Berlin, zehn Mitarbeiter. So beginnt 1847 die Geschichte eines Unternehmens, das heute zu den wertvollsten Deutschlands gehört. Werner von Siemens ist der Auftakt unserer Serie „Erfinder & ihre Erfindungen“, Menschen, deren Ideen bis heute in unseren Depots, Steckdosen und Straßen stecken.
Der Offizier, der nicht studieren konnte
Werner Siemens wird 1816 in Lenthe bei Hannover geboren, als eines von vierzehn Kindern eines Gutspächters. Für ein Studium fehlt das Geld, also geht er zur preußischen Artillerie, weil die Armee ihre Offiziere kostenlos in Mathematik, Physik und Chemie ausbildet. Ein Umweg, der zum Fundament wird: Siemens lernt präzises Ingenieursdenken, experimentiert nebenbei mit Galvanik und Telegrafie und meldet erste Patente an.
1847: Der Zeigertelegraf und die Werkstatt in Berlin
Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Telegrafie das, was heute das Internet ist: die Technologie, die Information von Transportwegen entkoppelt. Siemens verbessert den damals verbreiteten Zeigertelegrafen entscheidend und macht ihn zuverlässig genug für den Dauerbetrieb. Zusammen mit dem Feinmechaniker Johann Georg Halske gründet er 1847 die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“, mit geliehenem Startkapital aus der Verwandtschaft.
Schon zwei Jahre später baut die junge Firma die erste europäische Telegrafen-Fernlinie von Berlin nach Frankfurt am Main. Als die Frankfurter Nationalversammlung 1849 den preußischen König zum Kaiser wählt, ist die Nachricht binnen einer Stunde in Berlin, zuvor hätte sie Tage gebraucht. Es folgen Aufträge in Russland, ein Londoner Ableger unter Bruder Wilhelm, später die legendäre Indo-Europäische Telegrafenlinie von London bis Kalkutta: Das Familienunternehmen ist von Anfang an international aufgestellt.
1866: Das dynamoelektrische Prinzip, Strom wird bezahlbar
Die eigentliche Weltveränderung gelingt Siemens 1866. Der englische Physiker Michael Faraday hatte 1831 gezeigt, dass Bewegung in einem Magnetfeld elektrische Spannung erzeugt, die elektromagnetische Induktion. Aber die Generatoren jener Zeit brauchten teure Permanentmagnete und lieferten nur schwachen Strom. Siemens‘ Idee: Der Generator nutzt einen kleinen Rest-Magnetismus in seinem eigenen Eisen, verstärkt sich damit selbst, und braucht gar keine teuren Magnete mehr. Dieses dynamoelektrische Prinzip macht elektrische Energie erstmals in großem Stil erzeugbar und bezahlbar.
Was daraus folgt, führt Siemens gleich selbst vor: 1879 zeigt er auf der Berliner Gewerbeausstellung die erste elektrische Lokomotive, 1880 baut die Firma einen der ersten elektrischen Aufzüge, 1881 fährt in Berlin-Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn der Welt. Den Begriff „Elektrotechnik“ hat Siemens übrigens selbst geprägt.
Der Unternehmer: Pensionskasse statt Patriarchen-Romantik
Siemens war auch als Arbeitgeber seiner Zeit voraus: Bereits 1872 richtete er eine betriebliche Pensionskasse für seine Mitarbeiter ein, Jahre bevor Bismarcks Sozialgesetze kamen. Dahinter steckte neben Fürsorge auch Kalkül: Gute Leute sollten bleiben. Der Gedanke, Mitarbeiter am langfristigen Erfolg zu beteiligen, war für ihn Teil des Geschäftsmodells, nicht Wohltätigkeit.
1888 wird er geadelt, aus Werner Siemens wird Werner von Siemens. Vier Jahre später stirbt er. Sein Unternehmen überlebt ihn: Aus der Zehn-Mann-Werkstatt von 1847 ist die heutige Siemens AG geworden, ein DAX-Konzern mit Hunderttausenden Beschäftigten, aus dem mit Siemens Healthineers (Medizintechnik) und Siemens Energy inzwischen weitere börsennotierte Unternehmen hervorgegangen sind.
Was Anleger aus der Geschichte mitnehmen können
- Weltkonzerne entstehen über Generationen: Zwischen Hinterhof-Werkstatt und DAX liegen mehr als 175 Jahre, zwei Weltkriege, Enteignungen und etliche Beinahe-Pleiten. Langfristiger Unternehmenserfolg ist kein gerader Strich nach oben.
- Basistechnologien schlagen Moden: Telegraf, Dynamo, Elektrifizierung, Siemens setzte auf Technologien, die ganze Volkswirtschaften umbauen. Solche Umbrüche (damals Elektrizität, heute etwa Digitalisierung und Energiewende) tragen Unternehmen über Jahrzehnte.
- Eine einzelne Firmengeschichte ist kein Investment-Argument: Auf jeden Siemens kommen Dutzende vergessene Telegrafen-Firmen des 19. Jahrhunderts. Wer nicht einzelne Gewinner erraten will, streut breit, wie das praktisch geht, zeigt unser Guide ETF-Sparplan für Einsteiger.
Wie aus Industriepionieren Imperien wurden, und was daraus zu lernen ist, zeigt auch unser Artikel über die Monopol-Barone Carnegie und Rockefeller.
Quellen
- Siemens AG: Unternehmensgeschichte (Siemens Historical Institute)
- Deutsches Historisches Museum (LeMO): Biografie Werner von Siemens
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