In japanischen Teehäusern stehen oft Schalen, die ein westliches Auge aussortieren würde: schief gebrannt, unregelmäßig glasiert, manchmal sichtbar geflickt. Genau diese Schalen gelten als die wertvollsten. Wabi-Sabi heißt diese Ästhetik, die Schönheit des Unvollkommenen, Unfertigen, Vergänglichen. Nichts ist perfekt, nichts ist fertig, nichts ist von Dauer. Was nach Teezeremonie klingt, ist beim Geld eine erstaunlich wirksame Medizin. Denn die teuerste Krankheit von Anlegern ist nicht mangelndes Wissen, sondern Perfektionismus. Nach Kakeibo, Kaizen, Hara Hachi Bu und Seiri & Seiton ist das die fünfte Folge unserer Serie über japanische Weisheiten für Geld und Leben.

Die Perfektions-Falle: Warten kostet mehr als Fehler

Fast jeder kennt jemanden, der „demnächst“ anfangen will zu investieren. Sobald die Kurse gefallen sind. Sobald der perfekte ETF gefunden ist. Sobald mehr Zeit ist, sich einzulesen. Dieses Warten fühlt sich vernünftig an, es ist aber in den meisten Fällen die teuerste Entscheidung von allen, weil das Geld währenddessen unverzinst herumliegt und die Zeit am Markt fehlt, die den Zinseszins erst groß macht.

Der Versuch, den idealen Einstiegszeitpunkt zu erwischen, scheitert selbst bei Profis regelmäßig. Niemand läutet am Tiefpunkt eine Glocke. Wer auf den Rücksetzer wartet, erlebt oft genug, dass der Markt einfach weiterläuft, und kauft Jahre später teurer ein, als er es am „unperfekten“ Tag getan hätte. Im Anlegerjargon hat sich dafür ein Satz eingebürgert, der pures Wabi-Sabi ist: Time in the market beats timing the market. Die Zeit im Markt schlägt den perfekten Moment.

Was Wabi-Sabi konkret fürs Depot heißt

  • Der „gut genug“-ETF existiert, der perfekte nicht. Ob nun MSCI World oder FTSE All-World, ob Ausschütter oder Thesaurierer: Die Unterschiede zwischen soliden, breit gestreuten Welt-ETFs sind Nuancen. Wer monatelang die letzte Nachkommastelle der Kostenquote vergleicht, verliert mehr Rendite durchs Warten, als die Entscheidung je ausmachen kann. Wie der Einstieg praktisch geht, zeigt unser Ratgeber ETF-Sparplan für Einsteiger.
  • Der unperfekte Sparplan schlägt den perfekten Plan. Ein Sparplan kauft stur jeden Monat, mal zu teuer, mal günstig, nie perfekt. Genau diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Zeitpunkt ist seine Stärke: Er nimmt dir die Entscheidung ab, die du ohnehin nicht treffen kannst.
  • Brüche gehören zur Geschichte. Ein Depot mit ein paar Altlasten, dem Einzelaktien-Experiment von früher, dem zu teuren Fonds aus der Bankberatung, ist kein Scheitern. Es ist ein normales, gewachsenes Depot. Aufräumen lohnt sich (wie in der Seiri-&-Seiton-Folge beschrieben), aber Scham über alte Fehler hält niemanden vom Weitermachen ab, der sie als Teil des Weges akzeptiert.
  • Nichts ist von Dauer, auch Krisen nicht. Wabi-Sabi umfasst die Vergänglichkeit in beide Richtungen: Kein Allzeithoch hält ewig, aber eben auch kein Crash. Wer das verinnerlicht, verkauft im Einbruch nicht panisch, sondern lässt den Sparplan weiterlaufen.

Perfektionismus erkennt man an diesen Sätzen

„Ich fange an, wenn ich das Thema komplett verstanden habe.“, „Erst muss die perfekte Strategie stehen.“, „Jetzt einzusteigen wäre unklug, die Kurse stehen so hoch.“ Alle drei Sätze klingen nach Sorgfalt. Tatsächlich sind sie meist Aufschieberitis im seriösen Gewand. Die ehrliche Alternative lautet: mit einem kleinen, unperfekten Betrag anfangen und unterwegs lernen. Die Schritt-für-Schritt-Logik dazu liefert die Kaizen-Folge, und den Gesamtüberblick der Leitfaden Finanzen für Einsteiger.

Wo Wabi-Sabi NICHT gilt

Gelassenheit gegenüber Unvollkommenheit ist keine Ausrede für Schlamperei. Drei Dinge müssen sitzen, bevor die Gelassenheit beginnt: der Notgroschen als Sicherheitsnetz, eine breite Streuung statt Einzelwetten und Kosten, die im Rahmen bleiben. Innerhalb dieses Rahmens darf alles unperfekt sein, der Rahmen selbst nicht.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung und ist keine individuelle Finanzberatung. Geldanlage an der Börse ist mit Risiken verbunden.

Quellen

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