Gürtelrose trifft in Deutschland jedes Jahr mehr als 300.000 Menschen. Das Robert Koch-Institut hat diese Zahl aus den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen hochgerechnet. Und trotzdem gehört Herpes zoster zu den Erkrankungen, über die man erst nachdenkt, wenn es jemanden im eigenen Umfeld erwischt hat.
Warum das Virus nie ganz verschwindet
Gürtelrose ist keine neue Ansteckung. Sie ist ein Rückfall. Wer als Kind Windpocken hatte – und das sind in den älteren Jahrgängen praktisch alle –, trägt das Varizella-Zoster-Virus lebenslang in sich. Es zieht sich in die Nervenknoten zurück und wartet. Solange das Immunsystem stabil ist, bleibt es dort ruhig.
Nachlassen kann diese Kontrolle aus zwei Gründen: durch das Alter, weil die zelluläre Immunabwehr ab etwa 50 messbar schwächer wird, oder durch eine Erkrankung beziehungsweise Therapie, die das Immunsystem bremst. Dann wandert das Virus den Nerv entlang zurück zur Haut – und genau deshalb bleibt der Ausschlag auf ein Segment einer Körperhälfte begrenzt.
Das eigentliche Problem ist nicht die Haut. Es ist der Nerv. Etwa fünf Prozent der Erkrankten entwickeln eine Post-Zoster-Neuralgie: Nervenschmerzen, die bleiben, nachdem die Bläschen längst abgeheilt sind. Wochen, Monate, in ungünstigen Fällen dauerhaft. Das Risiko dafür steigt deutlich mit dem Alter. Sitzt der Zoster im Gesicht, kommen Sehstörungen, Hörminderung oder eine Lähmung des Gesichtsnervs dazu.
Was sich im Februar 2026 geändert hat
Bisher galt: Kassenleistung ab 60 für alle, ab 50 bei bestimmten Risikofaktoren. Seit dem 13. Februar 2026 ist ein Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses in Kraft, der eine ältere Empfehlung der Ständigen Impfkommission umsetzt – und die Altersgrenze für Risikogruppen von 50 auf 18 Jahre absenkt.
Erhöhtes Risiko heißt dabei konkret: angeborene oder erworbene Immunschwäche, Autoimmunerkrankungen oder deren Therapie, sowie schwer ausgeprägte chronische Grunderkrankungen. Der G-BA nennt ausdrücklich Diabetes, Niereninsuffizienz, rheumatoide Arthritis, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Asthma und COPD.
Dieser Punkt wird häufig falsch verstanden, deshalb lohnt der zweite Blick: Es geht nicht um jede chronische Diagnose. Wer zwischen 18 und 59 ist und eine leichte, unkomplizierte oder medikamentös gut eingestellte Form hat, fällt nach Einschätzung der STIKO ausdrücklich nicht unter die Empfehlung – weil das Risiko in dieser Konstellation eben nicht deutlich erhöht ist. Für alle ab 60 bleibt es bei der Standardimpfung, unabhängig vom Gesundheitszustand.
Wenn du also Mitte 30 bist, seit Jahren Morbus Crohn hast und unter Immunsuppression stehst, ist das eine Frage, die beim nächsten Termin auf den Tisch gehört. Wenn dein gut eingestelltes Asthma dich zweimal im Jahr an den Inhalator erinnert, eher nicht.
Zwei Dosen, ein Totimpfstoff, kein Selbstläufer
Empfohlen ist ein adjuvantierter Totimpfstoff – in Deutschland ist das derzeit nur Shingrix. Es braucht zwei Dosen im Abstand von mindestens zwei und höchstens sechs Monaten. Eine allein reicht nicht, und genau daran scheitert ein erheblicher Teil der Impfungen: Der Termin für die zweite geht im Alltag unter.
Die Wirksamkeit liegt in den Zulassungsstudien altersunabhängig über 90 Prozent, auch bei den über 70-Jährigen – das ist bei Impfstoffen für ältere Menschen bemerkenswert, weil viele in dieser Gruppe deutlich abfallen. Nach heutigem Kenntnisstand hält der Schutz mindestens zehn Jahre an.
Ehrlich dazugehört: Der Impfstoff ist reaktogen. Schmerzen am Arm, Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen, manchmal ein Tag, an dem man nicht viel zustande bringt, sind häufig. Das ist unangenehm und geht vorbei. Wer die Wahl hat, legt die Impfung deshalb nicht auf den Vorabend einer wichtigen Woche.
Drei von vier haben den Schutz nicht
Die Impfquote bei Menschen ab 60 lag 2024 bei 24 Prozent – der höchste bisher gemessene Wert in Deutschland. Anders formuliert: Rund drei Viertel der Anspruchsberechtigten sind nicht oder nur unvollständig geschützt. Besonders auffällig ist die Lücke direkt bei 60, dem Jahr, in dem der Anspruch entsteht. Dort haben Auswertungen einzelner Kassen zufolge weniger als zehn Prozent überhaupt die erste Dosis erhalten.
Für die Sandwich-Generation ist das ein doppelt relevanter Punkt. Nicht nur, weil man mit Ende 50 selbst in die Zielgruppe hineinwächst – sondern weil bei den eigenen Eltern das Komplikationsrisiko am höchsten ist und die Impfquote am niedrigsten. Ein Anruf zum Thema ist realistisch der Beitrag mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Nutzen.