Du sitzt seit dem Morgen vor dem Laptop, greifst in der Pause zum Handy und lässt den Abend vor dem Fernseher ausklingen. Irgendwann brennen die Augen, das Bild wird unscharf, die Stirn fühlt sich schwer an. Kein Wunder: Ein durchschnittlicher Erwachsener in Deutschland verbringt inzwischen einen Großteil des wachen Tages vor irgendeinem Display. Die Frage, die viele umtreibt, lautet: Ruiniere ich mir gerade langsam die Augen? Die Antwort ist beruhigender und zugleich praktischer, als die üblichen Schlagzeilen vermuten lassen.

Erst die gute Nachricht: keine Kurzsichtigkeits-Epidemie in Deutschland

Aus Asien hört man seit Jahren von einer regelrechten Welle der Kurzsichtigkeit (Myopie), und daraus wird oft der Schluss gezogen, dass Smartphones und Tablets reihenweise die Augen der Kinder verderben. Für Deutschland lässt sich das so nicht bestätigen. Ein Forschungsteam wertete rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen von etwa 437.700 Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 18 Jahren aus den Jahren 2001 bis 2025 aus. Das Ergebnis, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Frontiers in Public Health: kein Anstieg der Verordnungen für kurzsichtige Brillen über diesen langen Zeitraum, auch nicht während der Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns und dem Homeschooling.

Das heißt nicht, dass Bildschirme egal sind. Es heißt, dass Lebensumstände in Deutschland, vermutlich mehr Zeit im Freien und andere Alltagsmuster als in dicht besiedelten asiatischen Metropolen, den globalen Trend hierzulande abfedern. Für die Gen Z, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist und sich oft anhören muss, sie „verderbe sich die Augen“, ist das eine echte Entlastung: Die Panik ist überzogen. Aufmerksamkeit bleibt trotzdem sinnvoll.

Das eigentliche Alltagsproblem: der digitale Augenstress

Viel häufiger als eine bleibende Verschlechterung der Sehkraft ist ein Phänomen, das Fachleute als Computer-Vision-Syndrom oder digitalen Augenstress bezeichnen. Die Beschwerden sind bekannt: trockene, brennende Augen, verschwommenes Sehen gegen Nachmittag, Kopfschmerzen, ein Ziehen im Nacken. Die Ursache ist überraschend simpel. Wer konzentriert auf einen Bildschirm schaut, blinzelt bis zu 60 Prozent seltener als sonst. Der schützende Tränenfilm auf dem Auge reißt schneller auf, die Oberfläche trocknet aus. Gleichzeitig bleibt die Muskulatur, die das Auge auf die Nähe scharf stellt, stundenlang angespannt, wie ein Muskel, den man den ganzen Tag nicht lockerlässt.

Verschärft wird das durch trockene Heizungs- oder Klimaanlagenluft. Die gute Nachricht: Diese Beschwerden sind zwar lästig, aber vorübergehend. Sie hinterlassen keine dauerhaften Schäden und lassen sich mit ein paar Gewohnheiten deutlich lindern.

Die 20-20-20-Regel: die einfachste Übung überhaupt

Die bekannteste Empfehlung stammt von den großen augenärztlichen Fachgesellschaften und ist bewusst leicht zu merken: Schau alle 20 Minuten für 20 Sekunden auf etwas, das mindestens 20 Fuß, also rund sechs Meter, entfernt ist. Der Blick in die Ferne entspannt den Fokusmuskel, die kurze Pause gibt den Augen Erholung. Studien deuten darauf hin, dass diese Mini-Pausen die Symptome des trockenen Auges tatsächlich mindern.

Ergänzend hilft bewusstes Blinzeln: Alle 20 Minuten ein paar Mal langsam und vollständig die Augen schließen, so als würdest du gleich einschlafen. Das verteilt den Tränenfilm neu. Und weil trockene Raumluft das Problem verstärkt, lohnt sich regelmäßiges Lüften. Wer den Bildschirm eine Handbreit tiefer stellt, sodass der Blick leicht nach unten geht, hält das Auge zusätzlich feuchter, weil das Lid mehr von der Oberfläche bedeckt.

Wie viel Bildschirm ist zu viel?

Ganz ohne Grenze geht es nicht. Auswertungen zum Zusammenhang von Bildschirmzeit und Kurzsichtigkeit zeigen ein interessantes Muster: Bis etwa eine Stunde tägliche Bildschirmzeit steigt das Risiko kaum. Jede weitere Stunde danach erhöht es um rund 20 Prozent, bis die Kurve jenseits von etwa fünf Stunden wieder abflacht. Für Erwachsene im Büro ist das nur bedingt steuerbar, für Kinder und Jugendliche aber ein brauchbarer Anhaltspunkt: Nicht jede Minute am Tablet ist ein Drama, aber der stundenlange Dauerkonsum in der Freizeit ist der Teil, an dem sich schrauben lässt.

Der unterschätzte Schutzfaktor: Tageslicht

Der wirksamste und günstigste Schutz vor Kurzsichtigkeit kostet nichts und steht direkt vor der Haustür. Studien aus Australien und anderswo zeigen: Schon rund zwei Stunden Tageslicht pro Tag können das Risiko, dass ein Kind kurzsichtig wird, etwa halbieren. Der Grund liegt in der Lichtmenge. In Innenräumen erreicht die Beleuchtung etwa 200 Lux. Draußen sind es selbst an trüben Tagen 2.000 bis 3.000 Lux, an sonnigen Tagen 20.000 bis 30.000 Lux. Dieses helle Licht bremst das Längenwachstum des Augapfels, und genau dieses Wachstum ist es, das Kurzsichtigkeit entstehen lässt.

Für Familien ist das eine erstaunlich handfeste Botschaft: Der Nachmittag auf dem Spielplatz oder der Fußweg zur Schule ist keine verlorene Zeit, sondern aktive Vorsorge für die Augen. Als Millennial-Elternteil musst du nicht das Tablet verbieten, es reicht oft, den Draußen-Anteil des Tages bewusst größer zu machen. Und für alle, die im Homeoffice arbeiten, gilt das Gleiche im Kleinen: Die Mittagspause an der frischen Luft tut nicht nur dem Kopf gut, sondern auch den Augen.

Wann du zum Augenarzt solltest

Ein paar Signale gehören abgeklärt, statt sie mit Tropfen zu überdecken. Dazu zählen anhaltend verschwommenes Sehen, das nach dem Feierabend nicht verschwindet, häufige Kopfschmerzen, plötzliche Veränderungen der Sehschärfe, Lichtblitze oder ein Schleier im Blickfeld. Auch wer sein Kind ständig blinzeln, die Augen zusammenkneifen oder sehr nah an den Bildschirm rücken sieht, sollte einen Termin machen. Für die Gen X kommt ab etwa Mitte 40 die Alterssichtigkeit hinzu, dass die Zeitung plötzlich weiter weg gehalten werden muss, ist normal und hat nichts mit Bildschirmen zu tun, gehört aber trotzdem einmal geprüft.

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Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden Augenbeschwerden oder Veränderungen der Sehkraft wende dich bitte an eine Augenärztin oder einen Augenarzt.

Quellen

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