Auf Okinawa gibt es für „Ruhestand“ im klassischen Sinn kein gebräuchliches Wort. Viele Menschen dort arbeiten, gärtnern, fischen oder unterrichten bis ins hohe Alter weiter, nicht, weil sie müssen, sondern weil sie ein Ikigai haben: einen Grund, morgens aufzustehen. Das Wort setzt sich aus „iki“ (Leben) und „gai“ (Wert, Sinn) zusammen und meint das, wofür sich das eigene Leben lohnt. Nach Kakeibo, Kaizen, Hara Hachi Bu und Seiri & Seiton ist das die sechste Folge unserer Serie über japanische Weisheiten für Geld und Leben, und die persönlichste.

Die vier Kreise, und was der Westen daraus gemacht hat

Bekannt geworden ist Ikigai hierzulande als Diagramm aus vier Kreisen: das, was du liebst; das, was du gut kannst; das, was die Welt braucht; das, wofür jemand bezahlt. Wo sich alle vier überlappen, liegt angeblich das Ikigai. Fairerweise: Dieses Diagramm ist eine westliche Zutat, in Japan ist Ikigai viel bescheidener gemeint. Es muss kein Beruf sein und schon gar nichts, was Geld einbringt. Der Morgenkaffee mit dem Partner, der Gemüsegarten, die Enkel, ein Ehrenamt: alles vollwertige Ikigai. Entscheidend ist nur, dass es dich zuverlässig aus dem Bett holt.

Warum das eine Finanzfrage ist

Was hat das auf einem Finanzblog verloren? Eine ganze Menge, denn die meisten Menschen planen ihre Finanzen für ein Ziel, das sie nie zu Ende gedacht haben.

  • „Nicht mehr arbeiten müssen“ ist kein Ziel, sondern eine Flucht. Wer nur weiß, wovon er weg will, aber nicht wohin, fällt nach dem letzten Arbeitstag oft in ein Loch. Das gilt für den regulären Renteneintritt genauso wie für die FIRE-Bewegung, die den Ausstieg mit 40 oder 50 anpeilt, mehr dazu in unserem Artikel FIRE in Deutschland. Ein Ikigai beantwortet die Frage, die nach der Kapitalfrage kommt: Und was machst du dann am Dienstagvormittag?
  • Ein klares Ikigai macht die Zielsumme realistischer. Wer weiß, wie sein Alltag nach dem Erwerbsleben aussehen soll, kann ihn beziffern. Ein Leben mit Garten, Ehrenamt und Enkeln kostet anders als eines mit Weltumsegelung. Ohne dieses Bild wird die Rentenlücke mit Fantasiezahlen gestopft, mal viel zu hoch, mal gefährlich zu niedrig.
  • Ikigai kann die Rechnung sogar entspannen. Wer eine Tätigkeit hat, die er ohnehin gern weiterführt, reduziert, selbstbestimmt, vielleicht gegen kleines Honorar –, braucht weniger Kapital, als die reine Vollausstieg-Rechnung verlangt. Sinn ist in dieser Hinsicht bares Geld wert.
  • Geld ohne Sinn kippt in Geiz oder Konsum. Sparen braucht ein Wofür. Ohne eines wird die Sparquote entweder zum Selbstzweck (und das Leben grau) oder sie kollabiert beim nächsten Impulskauf. Mit einem Wofür wird sie zur Brücke zwischen heute und dem Leben, das du meinst.

Dein Ikigai finden: drei ehrliche Fragen

  • 1. Was würdest du weitermachen, auch wenn es niemand bezahlt? Die Antwort zeigt, was nach dem Berufsleben trägt, und was du vielleicht schon jetzt mehr in dein Leben holen solltest.
  • 2. Wie sieht dein idealer normaler Dienstag aus, nicht der Urlaubstag? Sinn zeigt sich im Alltag, nicht in Höhepunkten. Diesen Dienstag kannst du budgetieren.
  • 3. Was davon geht schon heute? Ikigai ist kein Ruhestandsprojekt. Wer den Sinn aufs Alter verschiebt, verschiebt ihn oft für immer. Meist kostet der Einstieg, Ehrenamt, Kurs, Garten, fast nichts außer Zeit.

Für die Kapitalseite des Plans, wie viel wann zurückgelegt werden sollte, hilft der Überblick im Leitfaden Finanzen für Einsteiger; speziell für später unser Ratgeber zur Altersvorsorge mit kleinem Einkommen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Orientierung und ist keine individuelle Finanzberatung. Wie viel Kapital du für deinen Lebensweg brauchst, hängt von deiner persönlichen Situation ab.

Quellen

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