Wenn heute vom reichsten Menschen der Welt die Rede ist, denken die meisten an einen Tech-Milliardär mit Raketen und Aktienpaketen. Doch je nachdem, wie man Vermögen im Verhältnis zur Wirtschaft seiner Zeit misst, lebte ein heißer Kandidat schon vor 500 Jahren – und zwar nicht in einer Metropole, sondern im beschaulichen Augsburg. Sein Name: Jakob Fugger, genannt „der Reiche“.
Das ist Station 2 unserer Reihe „Die Finanz-Weltreise mit Theo & Mara“. In Station 1 haben wir gesehen, wie ein König seine eigene Bank zerschlug. Diesmal drehen wir den Spieß um: Was passiert, wenn ein einzelner Kaufmann mächtiger wird als die Fürsten, denen er Geld leiht?
Silber, Kupfer und die Macht des Kredits
Fugger (1459–1525) baute sein Vermögen nicht mit einer einzigen genialen Erfindung auf, sondern mit einem Netzwerk aus Handel, Bergbau und Bankgeschäften. Ihm gehörten Anteile an den ergiebigsten Silber- und Kupferminen Mitteleuropas. Er handelte europaweit – und vor allem verlieh er Geld an die Mächtigen seiner Zeit.
Genau das war sein Hebel. Fürsten und Könige brauchten ständig Bargeld für Kriege, Hofhaltung und Prunk. Fugger gab es ihnen – gegen Zinsen und gegen Sicherheiten wie das Recht, Bergwerke auszubeuten oder Zölle einzutreiben. So floss ein guter Teil der Macht Europas durch seine Geschäftsbücher.
Schon bei den Tempelrittern galt: Wer den Mächtigen Geld leiht, wird selbst zur Macht. Fugger spielte dasselbe Spiel – nur größer und geschickter. Der Unterschied: Er ließ sich nicht überrumpeln, sondern sicherte seine Kredite mit handfesten Gegenwerten ab.
1519: Als Geld einen Kaiser wählte
1519 stand die Wahl eines neuen römisch-deutschen Kaisers an. Gewählt wurde nicht vom Volk, sondern von einer kleinen Gruppe von Kurfürsten – und die ließen sich ihre Stimmen teuer bezahlen. Zwei Bewerber überboten sich mit Zusagen und Zahlungen: der spanische König Karl und der französische König Franz.
Den Großteil der gewaltigen Summe, die Karl brauchte, streckte Jakob Fugger vor. Das Ergebnis: Karl V. wurde Kaiser eines Reichs, „in dem die Sonne nie unterging“ – mit Fuggers Geld. Jahre später erinnerte Fugger den Kaiser in einem berühmten Brief unverblümt daran, dass dieser die Krone ohne ihn nicht bekommen hätte.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Nicht Herkunft, nicht Armeen, sondern schlicht Geld entschied, wer Kaiser des halben Kontinents wurde. Geld ist eben nie nur Geld – es ist Macht und Politik. Genau das ist der rote Faden unserer Finanz-Weltreise.
Ablasshandel, Luther – und ein Sozialwerk für die Ewigkeit
Fuggers Einfluss reichte bis in die Kirche. Er war am Geldkreislauf rund um den Ablasshandel beteiligt – jenem Geschäft mit dem Erlass von Sündenstrafen gegen Bezahlung, gegen das Martin Luther Sturm lief. Geld steckte damit mitten in einem der größten Umbrüche der Geschichte: der Reformation.
Und doch hat derselbe Mann etwas gestiftet, das bis heute existiert. Die Fuggerei in Augsburg, gegründet 1521, gilt als älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. Bedürftige Bewohner zahlen dort bis heute eine symbolische Jahresmiete von weniger als einem Euro – und drei Gebete täglich für den Stifter. Der reichste Mann seiner Zeit und Wohnungen für fast umsonst: Macht hat viele Gesichter.
Unsere Weisheit zum Mitnehmen für diese Station kommt von Seneca, dem römischen Philosophen – passend zu einem Mann, der mehr besaß als jeder Fürst und trotzdem an die Ewigkeit dachte:
„Nicht wer wenig hat, sondern wer mehr begehrt, ist arm.“ (sinngemäß nach Seneca, Briefe an Lucilius). Mehr solcher Vorbilder findest du auf unserer Empfehlungen-Seite.