Was die NAKO-Auswertung gefunden hat
Das Team hat Urinproben von rund 35.000 Menschen untersucht. Etwa jede sechste Person hatte auffällige Nierenwerte – aber nur rund vier Prozent von ihnen berichteten von einer passenden ärztlichen Diagnose. Bei den Blutwerten sah es ähnlich aus: Von 195.000 ausgewerteten Erwachsenen zeigten rund 5.000 eine eingeschränkte Nierenfunktion, aber nur 875 wussten davon.
Das Alter spielt dabei eine deutliche Rolle. Unter den 19- bis 29-Jährigen hatte gerade einmal 0,1 Prozent eine Filtrationsleistung unter dem kritischen Schwellenwert. Bei den 60- bis 75-Jährigen waren es 7,8 Prozent. Wer also mit Ende zwanzig liest und sich sicher fühlt: Das ist statistisch berechtigt. Wer die Fünfzig überschritten hat, sollte weiterlesen – genau in dieser Altersgruppe kippt die Kurve.
Die zwei Werte, um die es geht
Nierendiagnostik klingt komplizierter, als sie ist. Im Kern sind es zwei Zahlen.
- Die eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate) wird aus dem Kreatinin im Blut berechnet und beschreibt, wie viel Blut die Nieren pro Minute filtern. Als auffällig gilt ein Wert unter 60 Millilitern pro Minute, wenn er über mindestens drei Monate bestehen bleibt.
- Der Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin zeigt, ob Eiweiß verloren geht. Eine gesunde Niere hält Albumin zurück. Taucht es im Urin auf, ist der Filter undicht – und das oft Jahre, bevor die eGFR fällt.
Beide Werte gehören zusammen. Die NAKO-Auswertung hat gezeigt, dass viele Auffälligkeiten allein über den Urin sichtbar werden. Wer nur Blut abnehmen lässt, sieht die Hälfte des Bildes.
Warum der Check-up 35 hier nichts findet
Viele gehen davon aus, dass die Nieren beim regulären Gesundheits-Check mitlaufen. Tun sie nicht. Der Check-up 35, auf den gesetzlich Versicherte ab 35 alle drei Jahre Anspruch haben, wurde in den vergangenen Jahren mehrfach zusammengestrichen. Die Urinuntersuchung auf Eiweiß ist heraus, das Kreatinin im Blut gehört nicht zum Standardpaket. Der Fokus liegt inzwischen anderswo.
Praktisch heißt das: Du musst danach fragen. Bei bestehendem Bluthochdruck oder Diabetes übernimmt die Kasse die Kontrolle in der Regel ohnehin, weil beides die mit Abstand häufigsten Ursachen chronischer Nierenkrankheit sind. Ohne Risikofaktoren läuft es je nach Praxis und Kasse als Selbstzahlerleistung – meist ein niedriger zweistelliger Betrag. Einige Krankenkassen bezuschussen erweiterte Laborwerte; ein Blick in die Satzungsleistungen lohnt sich vor dem Termin.
Wer besonders hinschauen sollte
Vier Gruppen tragen ein deutlich erhöhtes Risiko: Menschen mit Bluthochdruck, mit Typ-2-Diabetes, mit Herzschwäche und Menschen mit Nierenerkrankungen in der Familie. Auch starkes Übergewicht und Rauchen zählen dazu. Für die Sandwich-Generation zwischen 45 und 60 heißt das oft doppelt hinschauen: einmal bei sich selbst, weil in diesen Jahren Blutdruck und Blutzucker unauffällig nach oben wandern, und einmal bei den Eltern, bei denen ein unentdeckter Nierenschaden die Medikamentendosierung still verfälscht.
Zur Größenordnung: In Deutschland sind rund 100.000 Menschen auf regelmäßige Dialyse angewiesen, mit Transplantierten sind es etwa 120.000, die eine Nierenersatztherapie brauchen. Mindestens zwei Millionen leben mit einer deutlich eingeschränkten Nierenfunktion – aber nur etwa ein Drittel von ihnen weiß es. Der Weg von Stufe eins zur Dialyse dauert meist Jahrzehnte. Genau deshalb ist früh gefundenes Wissen hier so wertvoll: Man hat Zeit zu handeln.
Was die Nieren tatsächlich schützt
Die wirksamsten Hebel sind unspektakulär und gleichzeitig die, die auch Herz und Gefäße schützen.
- Blutdruck im Griff behalten. Hoher Druck zerstört die feinen Filtergefäße über Jahre. Wer Werte kennt und behandelt, verlangsamt den Verlauf messbar.
- Blutzucker kontrollieren. Diabetes ist die häufigste Einzelursache für Nierenversagen in Deutschland.
- Schmerzmittel nicht zur Dauergewohnheit machen. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie warnt ausdrücklich vor dem unbedachten Dauergebrauch freiverkäuflicher Mittel wie Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen. Sie drosseln die Nierendurchblutung und treiben nebenbei den Blutdruck. Kritisch wird es vor allem in Kombination mit Blutdruckmedikamenten. Und: Nierenprobleme durch diese Mittel treten auch bei jungen, sonst gesunden Erwachsenen auf – das betrifft die Zwanzigjährige mit der Migränepackung in der Handtasche genauso wie den Sechzigjährigen mit Rückenschmerzen.
- Rauchstopp und Bewegung. Beides wirkt über die Gefäße und damit direkt auf die Filterleistung.
- Ausreichend, aber nicht exzessiv trinken. Literweise Wasser auf Vorrat schützt die Niere nicht zusätzlich – normale, regelmäßige Flüssigkeitszufuhr genügt.
Ein Punkt, der oft untergeht: Wenn ein Nierenschaden bekannt ist, müssen Medikamente teilweise anders dosiert werden. Das gilt für Antibiotika ebenso wie für manche Diabetesmittel. Ein aktueller eGFR-Wert in der Patientenakte ist deshalb nicht nur Diagnostik, sondern praktische Sicherheit im Alltag.
Quellen
- Universitätsklinikum Freiburg: Viele Nierenerkrankungen bleiben unentdeckt (NAKO-Auswertung, Juni 2026)
- Deutsches Ärzteblatt International: Glomeruläre Filtrationsrate, Albuminurie und berichtete Nierenerkrankung im Vergleich
- Deutsche Nierenstiftung: Die Gesundheitsuntersuchung (Check-up)
- Deutsches Ärzteblatt: Nephrologen raten zum vorsichtigen Einsatz nichtsteroidaler Antirheumatika