New York, 19. Oktober 1987: Die Kurse fallen und fallen, und niemand versteht warum. Am Ende des Tages steht der wichtigste US-Index rund 22 Prozent tiefer – der größte prozentuale Tagesverlust der Geschichte, größer als jeder einzelne Tag im Crash von 1929. Es gibt keinen Krieg, keine große Pleite, keine Schreckensmeldung. Und doch bricht alles zusammen.
Das ist eine Station unserer Reihe „Die Geschichte des Geldes“. Nachdem wir die großen Krisen bis 2008 bereist haben, beginnt hier die moderne Ära – und sie startet mit einer neuen Kraft am Markt, die es 1929 noch nicht gab: dem Computer.
Eine Rekordjagd ohne Bremse
Die Jahre vor 1987 waren goldene Börsenjahre. Die Kurse kannten scheinbar nur eine Richtung – nach oben. Immer mehr Anleger stiegen ein, weil alle anderen es auch taten. Wer zögerte, verpasste die Party. Genau dieses Muster kennen wir schon von der Tulpenmanie und der Mississippi-Blase: Der Preis steigt, weil er steigt, nicht weil dahinter mehr Wert steckt.
Neu war diesmal etwas anderes: An der Wall Street liefen inzwischen Programme mit, die selbstständig kaufen und verkaufen konnten. Große Investoren nutzten sie, um sich abzusichern – die sogenannte „Portfolio-Versicherung“. Die Idee: Fallen die Kurse, verkauft der Computer automatisch, um Verluste zu begrenzen.
Als die Maschinen sich gegenseitig ansteckten
Am Schwarzen Montag kippte genau dieser Mechanismus ins Gegenteil. Die Kurse gaben ein wenig nach – also verkauften die Programme. Das drückte die Kurse weiter – also verkauften sie noch mehr. Ein Verkauf löste den nächsten aus, in einem Tempo, das kein Mensch mehr einholen konnte. Die Absicherung wurde zum Brandbeschleuniger.
Händler starrten auf Bildschirme, auf denen Zahlen nur noch fielen. Telefone klingelten ins Leere, weil auf der anderen Seite niemand mehr kaufen wollte. Zum ersten Mal erlebte die Finanzwelt, wie schnell ein Markt zusammenbrechen kann, wenn Maschinen ohne Zögern und ohne Angst dieselbe Entscheidung treffen – alle gleichzeitig.
„Sei ängstlich, wenn andere gierig sind – und gierig, wenn andere ängstlich sind.“ – Warren Buffett. Panik und Euphorie sind schlechte Ratgeber. Wer einen Plan hat, muss an einem einzigen roten Tag nicht alles über Bord werfen.
Warum diesmal nicht die Welt zusammenbrach
Das Bemerkenswerteste am Schwarzen Montag ist, was danach nicht geschah. Anders als 1929 folgte keine jahrelange Depression. Die US-Notenbank stellte den Banken schnell Geld zur Verfügung und signalisierte: Wir lassen das System nicht austrocknen. Innerhalb von rund zwei Jahren hatte der Markt die Verluste wieder aufgeholt.
Die Lehre der Aufseher: Man baute „Notbremsen“ ein. Seither wird der Handel automatisch für eine Weile ausgesetzt, wenn die Kurse zu schnell zu tief fallen – Zeit zum Durchatmen, damit die Panik nicht ungebremst durchläuft. Diese Schalter gibt es bis heute.
Der Schwarze Montag ist das Scharnier in die Gegenwart: Er zeigt, dass die alten Muster – Herdentrieb, Übertreibung, Absturz – dieselben bleiben, aber die Geschwindigkeit eine neue ist. Von hier führt die Reise weiter in die vielleicht euphorischste Blase der jüngeren Zeit: die Dotcom-Blase, als das Internet aus jedem Traum eine Aktie machte.
Quellen
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