Woher die 4-Prozent-Regel kommt

Die Regel geht auf den US-Finanzplaner William Bengen (1994) und die sogenannte Trinity-Studie (1998) zurück. Beide rechneten historische Kapitalmarktdaten der USA durch und stellten die Frage: Welche Entnahmerate hätte in der Vergangenheit jeden 30-Jahres-Zeitraum überstanden – auch den mit dem schlechtesten Timing? Das Ergebnis: Wer im ersten Jahr 4 Prozent des Depotwerts entnimmt und diesen Betrag danach jährlich um die Inflation erhöht, kam bei einem Portfolio mit hohem Aktienanteil in rund 95 bis 98 Prozent der historischen Fälle über 30 Jahre – oft blieb sogar mehr übrig, als am Anfang da war.

Umgekehrt gelesen ergibt sich daraus die bekannte Faustformel der FIRE-Bewegung: Man braucht etwa das 25-Fache der Jahresausgaben im Depot. Wie viel Kapital das für verschiedene Lebensstile bedeutet, haben wir im Artikel FIRE in Deutschland: Wie viel Kapital brauchst du wirklich? durchgerechnet.

Drei Einschränkungen stehen aber schon im Kleingedruckten der Studien: Sie basieren auf US-Daten (dem erfolgreichsten Aktienmarkt des 20. Jahrhunderts), sie rechnen ohne Steuern und Produktkosten, und sie enden nach 30 Jahren. Alle drei Punkte betreffen dich in Deutschland direkt.

Der Deutschland-Abschlag: Steuern nicht vergessen

In Deutschland greift auf Kursgewinne die Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag, zusammen 26,375 Prozent (ggf. plus Kirchensteuer). Bei Aktien-ETFs mit mindestens 51 Prozent Aktienanteil bleiben dank der Teilfreistellung 30 Prozent des Gewinns steuerfrei. Und ganz wichtig: Besteuert wird nur der Gewinnanteil deiner Verkäufe, nicht der ganze Entnahmebetrag. Dazu kommen der Sparer-Pauschbetrag (1.000 Euro pro Person, 2.000 Euro bei Zusammenveranlagung) und bereits versteuerte Vorabpauschalen, die angerechnet werden – wie das genau läuft, erklärt unser Artikel zur Vorabpauschale.

Ein Rechenbeispiel: Dein Depot ist 500.000 Euro wert, du entnimmst nach der Regel im ersten Jahr 4 Prozent, also 20.000 Euro. Angenommen, die Hälfte deines Depots besteht aus Kursgewinnen – dann stecken in den verkauften Anteilen 10.000 Euro Gewinn. Nach Teilfreistellung sind davon 7.000 Euro steuerpflichtig, darauf fallen 26,375 Prozent an: rund 1.846 Euro Steuer. Netto bleiben dir also etwa 18.150 Euro statt 20.000. Je länger du angespart hast, desto höher ist der Gewinnanteil – und desto größer wird dieser Abschlag. Wer netto einen bestimmten Betrag braucht, muss brutto entsprechend mehr entnehmen und sollte das in seiner Zielsumme einplanen.

Das größte Risiko: die ersten zehn Jahre

Der Durchschnittsertrag deines Depots entscheidet erstaunlich wenig darüber, ob dein Geld reicht. Entscheidend ist die Reihenfolge der Renditen – das sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko. Wer direkt zu Beginn der Entnahmephase in einen langen Bärenmarkt gerät, verkauft Jahr für Jahr Anteile zu Tiefstpreisen. Diese Anteile fehlen später für immer, selbst wenn sich die Kurse vollständig erholen. Genau an diesem Szenario – Ausstieg um das Jahr 2000, dann Dotcom-Crash und Finanzkrise – wären viele starre 4-Prozent-Pläne fast gescheitert.

Die wirksamsten Gegenmittel: ein Liquiditätspuffer von zwei bis drei Jahresausgaben außerhalb des Aktiendepots (Tagesgeld, kurzlaufende Anleihen), aus dem du in Crash-Jahren entnimmst, statt Anteile billig zu verkaufen – und flexible Entnahmeregeln: In schlechten Jahren die Entnahme um 10 bis 20 Prozent kürzen oder auf die Inflationsanpassung verzichten. Schon diese einfache Flexibilität erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Depots deutlich.

Länger als 30 Jahre? Dann eher 3 bis 3,5 Prozent

Die Trinity-Studie endet nach 30 Jahren – für den klassischen Ruhestand ab 65 passt das. Wer aber mit 45 oder 50 aussteigen will, muss 40 bis 50 Jahre überbrücken. Für so lange Zeiträume sinkt die historisch „sichere“ Anfangsentnahme auf etwa 3 bis 3,5 Prozent; auch der deutsche Finanzautor Gerd Kommer und internationale Nachrechnungen mit weltweiten (statt nur US-)Daten landen in dieser Größenordnung. Statt des 25-Fachen der Jahresausgaben braucht es dann eher das 28- bis 33-Fache. Ein Zwischenweg für alle, denen das zu weit weg ist: Coast FIRE – der Punkt, ab dem dein Depot von allein weiterwächst.

So setzt du einen Entnahmeplan praktisch um

  • Anfangsentnahme festlegen: 4 Prozent als Obergrenze für 30 Jahre, eher 3 bis 3,5 Prozent bei längerem Horizont – und immer netto denken (Steuerabschlag einplanen).
  • Puffer aufbauen: Zwei bis drei Jahresausgaben liquide halten, getrennt vom Aktiendepot – das ist deine Crash-Kasse.
  • Rhythmus wählen: Viele Broker bieten automatische Auszahlpläne (den „Sparplan rückwärts“); genauso gut funktioniert der manuelle Verkauf einmal pro Quartal.
  • FIFO-Prinzip kennen: Steuerlich gelten immer die ältesten Anteile als zuerst verkauft – und die tragen die meisten Gewinne. Wer mehrere Depots oder Unterdepots nutzt, kann steuern, welche Tranchen er zuerst angreift.
  • Jährlich nachjustieren: Entnahmerate, Puffer und Depotstand einmal im Jahr prüfen – ein Entnahmeplan ist ein Prozess, kein Autopilot.
Tipp

Ob ausschüttende ETFs die Entnahme „automatisieren“ können und wann Thesaurierer die bessere Wahl bleiben, haben wir hier verglichen: Ausschüttend oder thesaurierend? In der Entnahmephase sind Ausschüttungen ein angenehmer Grundstock – für die volle Entnahmerate musst du in der Regel trotzdem Anteile verkaufen.

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Hinweis: Dieser Artikel bietet eine allgemeine Orientierung und ist keine individuelle Anlageberatung. Historische Renditen und Studienergebnisse sind keine Garantie für die Zukunft; Steuerregeln nach dem Stand August 2026.
Transparenz zu KI: Das Titelbild wurde mit KI erzeugt. Der Text entsteht KI-gestützt und wird vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft; die inhaltliche Verantwortung trägt Dominic Schlosshauer (Impressum). Wie wir KI einsetzen, steht auf der Seite KI-Transparenz.

Quellen

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