Was Coast FIRE von klassischem FIRE unterscheidet
Hinter FIRE steckt die Idee, so viel Kapital aufzubauen, dass man vom Ertrag leben kann und nicht mehr arbeiten muss. Der Preis dafür sind Sparquoten von 40, 50 oder 60 Prozent über viele Jahre. Für die meisten Menschen mit Familie, Miete und normalem Gehalt ist das keine realistische Lebensplanung.
Coast FIRE senkt die Hürde deutlich. Das Ziel ist nicht, sofort vom Depot zu leben, sondern nur einen einzigen Punkt zu erreichen: den Moment, ab dem das vorhandene Kapital allein groß genug ist, um bis zum gewünschten Ausstiegsalter auf die Zielsumme zu wachsen. Ab diesem Punkt darf man aufhören, zusätzlich einzuzahlen. Man arbeitet weiter – aber nur noch für das Leben von heute.
Der englische Begriff „to coast“ beschreibt das ganz gut: Man rollt aus. Der Schwung ist da, man muss nicht mehr treten.
Coast FIRE ist erreicht, wenn dein heutiges Kapital ohne jede weitere Einzahlung bis zu deinem Zieldatum auf die Zielsumme wächst.
Die Rechnung: erstaunlich wenig – wenn man früh anfängt
Die Formel ist simpel. Man nimmt die Zielsumme, die man mit Ende 60 haben will, und rechnet sie mit der erwarteten Rendite auf heute zurück. Mathematisch: Zielsumme geteilt durch (1 + Rendite) hoch Anzahl der Jahre.
Rechnen wir mit einem Ziel von 500.000 Euro in heutiger Kaufkraft zum 67. Geburtstag und einer realen Rendite von 5 Prozent pro Jahr – also nach Abzug der Inflation. Real zu rechnen ist wichtig, sonst betrügt man sich selbst: 500.000 Euro in dreißig Jahren sind eben nicht 500.000 Euro von heute.
Was heute im Depot liegen müsste (Ziel: 500.000 Euro mit 67, in heutiger Kaufkraft)
Modellrechnung, keine Prognose. Ohne weitere Einzahlungen, ohne Berücksichtigung von Steuern und Kosten.
| Alter heute | Jahre bis 67 | bei 5 % real | bei 4 % real |
|---|---|---|---|
| 30 | 37 | rund 82.000 € | rund 117.000 € |
| 35 | 32 | rund 105.000 € | rund 143.000 € |
| 40 | 27 | rund 134.000 € | rund 173.000 € |
| 45 | 22 | rund 171.000 € | rund 211.000 € |
| 50 | 17 | rund 218.000 € | rund 257.000 € |
| 55 | 12 | rund 278.000 € | rund 312.000 € |
Zwei Dinge fallen sofort auf. Erstens: Die Beträge sind hoch, aber nicht utopisch – ein Mittdreißiger mit 105.000 Euro im Depot hat rechnerisch bereits ausgesorgt, wenn er die Annahmen durchhält. Zweitens: Der Unterschied zwischen 5 und 4 Prozent Rendite ist gewaltig. Ein einziger Prozentpunkt weniger kostet mit 30 rund 35.000 Euro zusätzliches Startkapital. Wer die Rechnung schönt, merkt das erst Jahrzehnte später.
Warum der Zinseszins die eigentliche Arbeit macht
Der Effekt dahinter ist bekannt, wird aber regelmäßig unterschätzt, weil unser Kopf linear denkt und Verzinsung exponentiell läuft. Aus 100.000 Euro werden bei 5 Prozent real:
- nach 10 Jahren rund 163.000 Euro
- nach 15 Jahren rund 208.000 Euro
- nach 20 Jahren rund 265.000 Euro
- nach 25 Jahren rund 339.000 Euro
- nach 30 Jahren rund 432.000 Euro
Die zweite Hälfte des Zeitraums bringt deutlich mehr als die erste. Genau darin liegt der Reiz von Coast FIRE: Wer die ersten Jahre konsequent nutzt, kauft sich später Freiheit, ohne weiter verzichten zu müssen.
Die drei Annahmen, die man ehrlich benennen muss
Coast FIRE ist eine Modellrechnung, kein Naturgesetz. Sie steht auf drei Annahmen – und jede davon kann daneben liegen.
Erstens die Rendite. Fünf Prozent real sind an einem breit gestreuten weltweiten Aktienmarkt historisch plausibel, aber nichts, worauf man einen Anspruch hat. Sie sind ein Durchschnitt über lange Zeiträume – mit Jahrzehnten darunter und darüber. Wer sein ganzes Lebensmodell auf 7 Prozent real baut, plant nicht, sondern hofft.
Zweitens die Zeit. Die Rechnung funktioniert nur, wenn das Kapital wirklich liegen bleibt. Ein Autokauf, eine Trennung, ein längerer Ausfall – und der Rechenweg beginnt von vorn. Coast FIRE ohne Notgroschen ist deshalb keine Strategie, sondern ein Risiko: Wer bei der ersten größeren Rechnung ins Depot greifen muss, verkauft womöglich genau im falschen Moment.
Drittens die Steuern. Die Tabelle oben rechnet brutto. In Deutschland fallen auf Kursgewinne und Ausschüttungen Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag an, dazu bei thesaurierenden Fonds die jährliche Vorabpauschale. Der Sparerpauschbetrag deckt nur einen kleinen Teil ab. Wer sauber plant, legt auf die Zielsumme einen Aufschlag – je nach Depotgröße sind 15 bis 25 Prozent eine vorsichtige Hausnummer.
Rechne lieber mit 4 Prozent real und einem Zielaufschlag für Steuern. Wenn es besser läuft, hast du einen Puffer – und keinen Plan, der nur bei Bestwetter aufgeht.
Was Coast FIRE im Alltag tatsächlich verändert
Der praktische Wert liegt weniger im frühen Ausstieg als in der gewonnenen Beweglichkeit. Wer den Punkt erreicht hat, kann Entscheidungen treffen, die sonst schwerfallen: die Stelle wechseln, obwohl sie schlechter bezahlt ist. Auf 80 Prozent reduzieren. Eine Selbstständigkeit versuchen. Eine Pflegesituation in der Familie auffangen, ohne dass die eigene Zukunft dabei kippt.
Genau deshalb ist Coast FIRE auch für Menschen interessant, die gar nicht früh aufhören wollen. Es ist weniger ein Ausstiegsplan als ein Sicherheitsnetz gegen den Zwang, jeden Job jahrzehntelang aushalten zu müssen.
Der häufigste Denkfehler: die Zielsumme
Die meisten Fehler passieren nicht bei der Rendite, sondern beim Ziel. Viele setzen einfach das 25-Fache ihrer heutigen Jahresausgaben an – die bekannte Vier-Prozent-Regel. Für Deutschland greift das oft zu kurz, weil hier ein zweiter Baustein dazukommt: die gesetzliche Absicherung im Alter. Wer die Ansprüche aus seiner Renteninformation berücksichtigt, braucht rechnerisch deutlich weniger eigenes Kapital, um die Lücke zu schließen.
Der ehrlichere Weg geht deshalb in zwei Schritten: Erst die spätere Lücke zwischen erwarteten Ausgaben und gesetzlichen Ansprüchen bestimmen. Dann nur diese Lücke mit dem Faktor 25 multiplizieren. Das Ergebnis ist die Zielsumme, die in die Coast-FIRE-Formel gehört.
Wie du deinen persönlichen Coast-FIRE-Punkt bestimmst
- Schritt 1: Realistische Jahresausgaben im Ruhestand schätzen – heutige Kaufkraft, ohne Sparrate, ohne Kreditrate für ein dann abbezahltes Zuhause.
- Schritt 2: Erwartete gesetzliche Ansprüche abziehen (Renteninformation, konservativ gerechnet).
- Schritt 3: Die verbleibende Lücke mal 25 nehmen – das ist die Zielsumme.
- Schritt 4: Zielsumme mit 4 bis 5 Prozent real auf heute zurückrechnen. Das ist dein Coast-FIRE-Kapital.
- Schritt 5: Jährlich prüfen, ob Annahmen und Wirklichkeit noch zusammenpassen – und erst dann die Sparrate zurückfahren.
Ein Hinweis zur Reihenfolge: Der Notgroschen kommt zuerst, nicht das Depot. Drei bis sechs Monatsausgaben auf einem Tagesgeldkonto sind die Voraussetzung dafür, dass das investierte Kapital ungestört liegen bleiben kann.
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„LF erklärt“: Coast FIRE in 2 Minuten – ab dieser Summe wächst dein Depot allein.
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Quellen
- Verbraucherzentrale: Sparen und Anlegen – Grundlagen
- Deutsche Rentenversicherung: Allgemeine Informationen zur Rente
- MSCI: Index-Übersicht (Datengrundlage für langfristige Aktienmarktrenditen)
- Bundesministerium der Finanzen: Steuern
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