Der König: Wie Kodak die Fotografie besaß

1888 brachte George Eastman in Rochester im US-Bundesstaat New York eine Kamera auf den Markt, die Fotografie erstmals für normale Menschen möglich machte. Sein Werbespruch wurde weltberühmt: „You press the button, we do the rest“ – du drückst den Knopf, wir machen den Rest.

In diesem Satz steckte bereits das ganze Geschäftsmodell. Die Kamera war nur die Eintrittskarte, verdient wurde am Rest: am Film, am Fotopapier, an der Entwicklung. Immer wieder, bei jedem einzelnen Bild. Auf den Film erzielte Kodak über Jahrzehnte eine Bruttomarge von rund 70 Prozent.

1976 liefen in den USA neun von zehn Filmen durch Kodak-Chemie, mehr als acht von zehn Kameras trugen den Namen. Auf dem Höhepunkt machte der Konzern rund 16 Milliarden Dollar Umsatz und beschäftigte zeitweise über 140.000 Menschen weltweit. Anfang 1997 war Kodak an der Börse 31 Milliarden Dollar wert.

Der Herausforderer und der Olympia-Coup

1934 begann in Japan eine Firma namens Fuji Photo Film, dasselbe zu bauen. Jahrzehntelang blieb sie für den Westen ein Nischenname – bis zum Sommer 1984.

In Los Angeles standen die Olympischen Spiele an, und die Organisatoren boten Kodak an, offizieller Filmsponsor zu werden. Kodak wollte dafür nicht mehr als eine Million Dollar zahlen. Fujifilm zahlte rund sieben Millionen – und wurde offizieller Film der Spiele, mitten im Heimatland des Rivalen. Danach baute Fuji ein eigenes Werk in den USA und lieferte sich einen erbitterten Preiskampf. Kodak zog sogar vor die Welthandelsorganisation und warf Japan Marktabschottung vor. Kodak verlor.

Um die Jahrtausendwende standen sich beide praktisch auf Augenhöhe gegenüber: Kodak mit rund 14 Milliarden Dollar Umsatz, davon über 70 Prozent aus dem Filmgeschäft. Fujifilm etwa gleich groß, mit einem Filmanteil von rund 60 Prozent.

Das Todesurteil – gefällt im eigenen Haus

1975 baute ein 24-jähriger Kodak-Ingenieur namens Steven Sasson die erste tragbare Digitalkamera der Welt: dreieinhalb Kilo schwer, groß wie ein Toaster, ein Hundertstel Megapixel, 23 Sekunden für ein Bild auf Kassette. An die Reaktion seiner Vorgesetzten erinnert er sich später so: Ganz niedlich – aber erzähl niemandem davon.

Daraus wurde die Legende, Kodak habe die Erfindung im Tresor versteckt und die Digitalisierung verschlafen. Sie stimmt nicht. Kodak patentierte die Kamera, forschte jahrzehntelang weiter und investierte über zwei Milliarden Dollar in Digitaltechnik. 2005 war Kodak sogar Marktführer für Digitalkameras in den USA.

Das wahre Problem war brutaler: Mit Film verdiente Kodak an jedem einzelnen Bild rund 70 Prozent Marge. Mit Digitalkameras verdiente der Konzern nichts – 2001 machte er mit jeder verkauften Kamera etwa 60 Dollar Verlust. Jeder digitale Erfolg zerstörte das eigene Geschäft, ohne ein neues zu schaffen.

Tipp

Das ist der Kern des sogenannten Innovator’s Dilemma: Nicht fehlendes Wissen bringt erfolgreiche Unternehmen zu Fall, sondern die Abhängigkeit von einer besonders profitablen Einnahmequelle. Wer viel zu verlieren hat, zögert – und zögern kostet Zeit, die man später nicht zurückkaufen kann.

Nach dem Höhepunkt im Jahr 2000 begann der weltweite Filmabsatz zu fallen – erst langsam, dann um 20 bis 30 Prozent pro Jahr. Ein Jahrzehnt später war weniger als ein Zehntel übrig. Beide Konzerne sahen dieselben Zahlen.

Zwei Antworten auf dieselbe Frage

Kodak antwortete: Wir sind Fotografie. Der Konzern kämpfte um die Fotografie und versuchte, sein altes Modell in die neue Welt zu retten – Geld verdienen am Ausdrucken, an Foto-Stationen, an Online-Diensten, die Abzüge verkaufen sollten. 2007 verkaufte Kodak dafür sogar seine profitable Medizintechnik-Sparte für 2,35 Milliarden Dollar. Man trennte sich vom zweiten Standbein, um das erste zu stützen, das gerade wegbrach.

Fujifilm antwortete anders. Der Konzernchef Shigetaka Komori, seit 2003 im Amt, stellte nicht die Frage „Wie retten wir den Film?“, sondern „Was können wir eigentlich wirklich?“ Sein Team durchleuchtete systematisch jede Technologie im Haus – und fand einen Schatz.

Denn Fotofilm ist Hochchemie. Einer seiner Hauptbestandteile ist Kollagen, derselbe Stoff, aus dem menschliche Haut besteht. Und Fuji hatte jahrzehntelang erforscht, wie man Fotos mit Antioxidantien vor dem Ausbleichen schützt. Ausbleichende Fotos und alternde Haut sind chemisch ein verwandtes Problem – 2007 brachte Fujifilm eine Anti-Aging-Kosmetiklinie auf den Markt.

  • Aus der Filmbeschichtung wurden Schutzfolien für Flachbildschirme – bis heute mit rund 70 Prozent Weltmarktanteil
  • Aus der Chemie-Kompetenz wurden Medizintechnik und Pharma
  • Der Umbau war hart: rund 5.000 Stellen allein in der Fotosparte, dazu etwa 9 Milliarden Dollar für 40 Zukäufe

Das Urteil

Zwischen 2000 und 2010 wuchs Fujifilms Umsatz um 57 Prozent. Kodaks Umsatz halbierte sich fast. Am Ende lebte Kodak vor allem von der eigenen Vergangenheit und verklagte die Tech-Branche auf Lizenzgebühren für seine Digitalpatente – Samsung zahlte über 500 Millionen Dollar, LG über 400 Millionen.

Am 19. Januar 2012 meldete Eastman Kodak Insolvenz an: 5,1 Milliarden Dollar Vermögen, 6,75 Milliarden Schulden, über 100.000 Gläubiger. Der letzte große Schatz, rund 1.100 Digitalpatente, sollte mehr als zwei Milliarden bringen. Er brachte 525 Millionen.

Wie so oft zahlte eine Stadt die Rechnung: In Rochester arbeiteten 1982 über 60.000 Menschen für Kodak. Heute sind es rund 1.300. Den Konzern gibt es noch – als Spezialisten für Drucktechnik und Chemie mit rund einer Milliarde Dollar Umsatz und etwa 4.000 Beschäftigten.

Und Fujifilm? Das beste Jahr der Firmengeschichte

Im Geschäftsjahr bis März 2026 meldete Fujifilm Rekorde bei Umsatz und Gewinn – umgerechnet rund 20 Milliarden Euro Umsatz. Der stärkste Wachstumsmotor ist heute die Gesundheitssparte mit Medizintechnik, Pharma und großen Biotechnologie-Werken, in denen Fuji für andere Konzerne Medikamente produziert.

Und eine Ironie zum Schluss: Eines der beliebtesten Fuji-Produkte ist heute die analoge Sofortbildkamera – über 100 Millionen Kameras und Fotodrucker verkauft, besonders beliebt bei jungen Leuten. Die Firma, die den Mut hatte, den Film loszulassen, verdient heute wieder an der Sehnsucht nach dem Analogen.

Drei Lektionen, die über die Fotobranche hinausgehen

  • Die Frage „Was sind wir eigentlich?“ entscheidet über Leben und Tod. Kodak sagte „Fotografie“ – daraus folgte Verteidigung. Fujifilm sagte „Chemie, die zufällig Film macht“ – daraus folgte Aufbruch.
  • Wissen rettet nicht. Beide Konzerne kannten jede Zahl. Der Unterschied lag nicht im Erkennen, sondern im Handeln.
  • Die wertvollste Ressource ist selten das Produkt, sondern das Können dahinter. Fujifilm hat nicht den Film gerettet, sondern die Chemie dahinter in neue Märkte getragen.

Fair bleiben muss man trotzdem: Kodak hat es versucht. Schon 1988 kaufte der Konzern für Milliarden einen Pharmahersteller und scheiterte an der Integration. Amerikanischer Quartalsdruck, gewaltige Pensionslasten und ungeduldige Aktionäre gehören ebenso zur Wahrheit wie die Tatsache, dass Fujifilm Geduld, Rücklagen und Eigentümer hatte, die einen zehnjährigen Umbau aushielten.

Hinweis: Dieser Beitrag ordnet Wirtschaftsgeschichte ein und dient der allgemeinen Orientierung. Er ist keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung für einzelne Aktien oder Unternehmen.

Quellen

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