Am 20. April 2020 passierte etwas, das es in der Geschichte der Börsen noch nie gegeben hatte: Der Preis für ein Barrel US-Rohöl fiel unter null, am Ende auf minus 37,63 Dollar. Wer Öl besaß, zahlte Käufern also Geld dafür, dass sie es ihm abnahmen. Die ARTE-Dokureihe „Planet Finance“ von Marije Meerman erzählt diesen Tag aus nächster Nähe, und liefert nebenbei die beste Erklärung des Rohstoff-Terminmarkts, die man derzeit kostenlos sehen kann. Wir fassen zusammen, was da passiert ist, als Ergänzung zu unserer Rohstoff-Serie.
Wie ein Terminmarkt funktioniert
Ölpreise entstehen nicht dort, wo Öl verbraucht wird, sondern am Terminmarkt: Dort werden Verträge über künftige Lieferungen gehandelt. Erfunden wurde das Prinzip für Bauern und Viehzüchter, wer seine Ernte oder seinen Bullen auf Termin verkauft, kennt Preis und Lieferdatum im Voraus und ist gegen Preisstürze abgesichert. Der Haken: Läuft ein Vertrag aus, wird tatsächlich geliefert. Beim wichtigsten US-Ölkontrakt (WTI) ist die Lieferadresse ein Tanklager-Kaff namens Cushing, Oklahoma, eine Kleinstadt ohne Hafen, an deren Terminpreisen sich trotzdem die ganze Welt orientiert.
Das Entscheidende: Fast niemand, der diese Verträge handelt, will jemals Öl sehen. Im Film bringt es ein Börsenveteran auf den Punkt, gehandelt wird „Papier“, und alle wollen aus dem Vertrag heraus, bevor er sich in physisches Öl verwandelt.
Frühjahr 2020: Die Welt steht still, das Öl fließt weiter
In den Corona-Lockdowns brach die Ölnachfrage ein, aber Ölquellen lassen sich nicht einfach zudrehen. Die Folge: Alle Lager liefen voll, vor den Küsten ankerten Hunderte Tanker als schwimmende Zwischenlager, deren Besatzungen monatelang nicht von Bord konnten. Als am 20. April der Mai-Kontrakt auslief, saßen Händler auf Verträgen für Öl, das niemand annehmen konnte, es gab schlicht keinen freien Tank mehr. Also zahlten sie drauf, um die Verträge loszuwerden. So entsteht ein negativer Preis.
Wer verlor, und wer gewann
Die Doku zeigt beide Seiten. Auf der Verliererseite: ein Kleinanleger, der Ölkontrakte für einen Cent pro Barrel kaufte, überzeugt, billiger könne es nicht werden. Über Nacht stand sein Konto bei minus 13 Millionen Dollar; die Handelssoftware seines Brokers konnte negative Preise nicht einmal darstellen. Auf der Gewinnerseite: Ölkonzerne mit eigenen Lagern und Handelsabteilungen sowie Spekulanten, die auf fallende Preise gesetzt hatten, eine kleine Londoner Händlergruppe soll an diesem einen Nachmittag laut den Recherchen des Films rund 600 Millionen Dollar verdient haben.
Bemerkenswert ist auch, wie Information zu Geld wird: Ein Drohnenpilot fliegt regelmäßig über die Tanks von Cushing und misst per Wärmebildkamera die Füllstände, seine Kunden in London und New York kennen die Lagerbestände so vor den offiziellen Behördenzahlen. Das ist legal. Und es zeigt, mit wem man am Terminmarkt konkurriert.
Was Privatanleger daraus lernen
- Termingeschäfte sind ein Nullsummenspiel: Anders als bei breit gestreuten Aktien, wo langfristig alle vom Wachstum profitieren können, steht am Terminmarkt jedem Gewinner ein Verlierer gegenüber, und auf der anderen Seite sitzen Profis mit Datenvorsprung bis hin zur eigenen Drohnenflotte.
- „Billig“ ist keine Strategie: Der Kleinanleger im Film kaufte, weil ein Cent pro Barrel unschlagbar günstig wirkte. Die Lehre des Films: Wenn etwas nichts kostet, frag dich, wer am Ende die Rechnung bezahlt.
- Hebel- und Rohstoffprodukte sind kein Basisinvestment: Öl-Zertifikate und Rohstoff-Futures gehören, wenn überhaupt, nur als kleine, bewusst riskante Beimischung ins Depot. Wer die Elektrifizierungs- und Energiewelt im Depot haben will, ist mit breiter Streuung besser bedient, wie das geht, zeigt unser Guide ETF-Sparplan für Einsteiger.
- Rohstoffe verstehen lohnt trotzdem: Ölpreis, Energiekosten, Inflation, der Terminmarkt wirkt bis in deinen Alltag. Wer die Mechanik kennt, versteht Nachrichten besser und fällt seltener auf vermeintliche Schnäppchen herein. Warum Gold dabei eine ganz andere Rolle spielt als Industrierohstoffe, haben wir separat beleuchtet.
Quellen
- ARTE: „Wie Corona die Ölmärkte crashte“ – Planet Finance, Folge in voller Länge (YouTube, Kanal ARTEde)
- ARTE-Mediathek: Planet Finance (Dokureihe von Marije Meerman)
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