Theorie kann jeder. Beim Depot-Check mit sieben Fragen haben wir das Raster vorgestellt, mit dem sich jedes Portfolio ehrlich durchleuchten lässt. Diesmal wird es konkret: Ein Leser hat uns sein echtes Depot geöffnet, anonym, aber mit vollen Zahlen. Sechsstelliger Wert, dreiundvierzig Positionen, klares Ziel: Ruhe geben, die Rente stützen, später an die Kinder vererben. Genau daran haben wir es gemessen.

Die Eckdaten

  • Sechsstelliger Depotwert, 43 Positionen: zwei Vanguard-ETFs als Kern, 26 Einzelaktien, Gold, dazu einzelne spekulative Werte
  • Laufende Kosten des ETF-Kerns: rund 0,2 Prozent, vorbildlich günstig
  • In zwölf Monaten rund 1.800 Euro Dividende brutto, netto etwa 1.450 Euro, im Schnitt 150 Euro pro Monat
  • Zwei Jahre zuvor lag die Jahresdividende bei 48 Euro, der Ausschüttungs-Motor wurde also in kurzer Zeit systematisch aufgebaut
  • Transparenz beim Kapitaleinsatz: Seit Anfang 2024 flossen netto rund 57.500 Euro Einzahlungen in das Depot – darunter auch größere Einmalbeträge. Die laufende Sparrate liegt aktuell je nach frei verfügbaren Mitteln bei 350 bis 450 Euro pro Monat. Der Dividenden-Sprung ist also zuerst das Ergebnis konsequenten Einzahlens – die Sparrate ist der stärkste Hebel, die Strategie entscheidet, wohin das Geld arbeitet

Was dieses Depot richtig macht

Das Fundament ist stark, und das darf man zuerst sagen: Der Kern ist breit gestreut und kostet fast nichts, genau das Gegenteil der teuren Fondspolicen, die in vielen deutschen Depots liegen. Keine einzelne Aktie ist übergewichtet; die größte Position (NVIDIA, plus 325 Prozent) macht knapp vier Prozent aus. Gold liegt mit plus 55 Prozent als stiller Puffer daneben. Und der Dividendenaufbau von 48 auf 1.800 Euro in zwei Jahren zeigt: Hier wird ein Plan verfolgt, nicht gezockt.

Die vier Befunde aus dem Sieben-Fragen-Raster

1. Der Schwerpunkt. 67 Prozent des Depots stecken in Nordamerika, und der größte Sektor sind mit knapp 27 Prozent die Finanzwerte, Versicherer, Banken, der High-Dividend-ETF. Das ist bewusst gewählt und für eine Dividendenstrategie völlig legitim. Mitdenken sollte man trotzdem: Gerade Finanztitel hängen am Kreditzyklus, in einer Krise wie 2008 traf es diese Branche zuerst, inklusive gestrichener Dividenden. Die ehrliche Kontrollfrage lautet: Was passiert mit den 150 Euro im Monat, wenn der Sektor zwei Jahre lang kürzt?

2. Die Überschneidung. Die zwei Vanguard-ETFs sind kein Doppel, der High-Dividend-ETF gewichtet bewusst anders als der Kern. Die echte Doppelung sind Einzelaktien wie Coca-Cola, PepsiCo, Johnson & Johnson oder Realty Income: Die stecken längst in den ETFs. Das ist nicht falsch, bringt aber kaum zusätzliche Streuung, dafür laufende Pflege von 26 Einzelwerten. Der Anleger hat daraus allerdings bereits seine Konsequenz gezogen – und die hat Priorität: keine neuen Positionen mehr eröffnen, sondern die vorhandenen gezielt ausbauen. Genau die richtige Richtung, denn sie stoppt das Ausufern und stärkt, was sich bewährt hat.

3. Der Zeithorizont. Neben dem soliden Kern liegen spekulative Wetten wie D-Wave Quantum und SpaceX. Spekulieren ist erlaubt, aber solche Positionen gehören in einen klar getrennten Spielgeld-Topf, nicht ins Vorsorge-Depot, an dem die Rente hängt.

4. Die Reserve. Die Cash-Quote liegt bei null. Wer beim nächsten Rücksetzer nachkaufen will, kann nur zuschauen. Und ein Steuer-Detail: Rund 19 Prozent der Dividenden gingen ans Finanzamt, ein Blick auf den Freistellungsauftrag kann bares Geld wert sein.

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Der komplette Depot-Check als Video

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Das Fazit: Note 2+

Ein richtig gutes Depot mit klarem Ziel und funktionierendem Dividenden-Motor, der Feinschliff liegt bei weniger Doppelungen, einem getrennten Topf fürs Spekulative und einer kleinen Cash-Reserve. Die übertragbare Lektion für jedes Depot: Nicht die Frage „Welche Aktie kaufe ich?“ entscheidet, sondern die Struktur, Kosten, Streuung, Überschneidungen, Reserve. Genau dafür gibt es die sieben Fragen zum Selbst-Durchgehen. Und wer beim ETF-Kern noch ganz am Anfang steht: Unser ETF-Leitfaden erklärt die Grundlagen.

Übrigens: Dieses Depot bekommt noch eine Fortsetzung, im Streitgespräch nehmen Lena und Finn dieselben Zahlen aus zwei Blickwinkeln auseinander. Abonniere unseren YouTube-Kanal, wenn du das nicht verpassen willst. Und wenn du dein eigenes Depot im Check sehen willst: Schick uns deinen Parqet-Link oder Screenshots deiner Depot-Übersicht an hello@lebenundfinanz.de – im Beitrag und Video bleibst du selbstverständlich anonym.

Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung, sondern die Analyse eines einzelnen, anonymisierten Portfolios zur allgemeinen Orientierung. Geldanlage ist mit Verlustrisiken verbunden – Entscheidungen immer für die eigene Situation treffen. Danke an den Leser für die Offenheit.
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