Warum ein Depot aus der Balance gerät
Verschiedene Anlageklassen entwickeln sich unterschiedlich – das ist ja gerade der Sinn der Streuung. Die Folge: Die Gewichte verschieben sich von allein. Laufen Aktien besser als der Sicherheitsbaustein aus Tagesgeld oder Anleihen, wächst ihr Anteil im Depot Jahr für Jahr. Niemand hat etwas gekauft oder verkauft, und trotzdem ist aus dem geplanten 70/30-Depot irgendwann ein 80/20-Depot geworden. Umgekehrt schrumpft der Aktienanteil in schwachen Börsenphasen unter die Zielmarke – ausgerechnet dann, wenn Aktien günstig sind, ist man untergewichtet.
Das Problem daran ist weniger die Rendite als das Risiko: Die Aufteilung zwischen Aktien und Sicherheitsbaustein ist die wichtigste Stellschraube dafür, wie stark dein Depot in einem Crash fallen kann. Wer sie einmal bewusst gewählt hat – etwa so, dass ein zwischenzeitliches Minus auszuhalten ist –, sollte nicht zulassen, dass der Markt sie schleichend verstellt. Wie man diese Aufteilung überhaupt findet, haben wir im Depot-Check mit 7 Fragen beschrieben.
Was Rebalancing leistet – und was nicht
Rebalancing heißt schlicht: Du stellst die ursprüngliche Aufteilung wieder her, indem du vom gut gelaufenen Baustein etwas abgibst und den zurückgebliebenen aufstockst. Der wichtigste Effekt ist die Risikokontrolle – dein Depot bleibt dauerhaft so riskant, wie du es beschlossen hast, nicht so riskant, wie die letzten Börsenjahre es gemacht haben.
Ehrlich bleiben sollte man beim zweiten oft versprochenen Effekt: Rebalancing ist kein verlässlicher Renditebooster. Zwar verkauft man systematisch teurer Gewordenes und kauft günstiger Gewordenes nach – ein eingebauter antizyklischer Mechanismus, der ganz ohne Prognosen auskommt. Ob das die Rendite am Ende erhöht, hängt aber vom Marktverlauf ab; in langen Aufwärtsphasen hätte das unangetastete Depot mehr gebracht. Der Grund fürs Rebalancing bleibt das Risiko, nicht die Rendite. Wer das verinnerlicht, ist auch nicht enttäuscht, wenn die Disziplin mal Rendite kostet.
Ein Zahlenbeispiel: Wie aus 70/30 ganz allein 76/24 wird
Angenommen, ein Depot startet mit 35.000 Euro im weltweiten Aktien-ETF und 15.000 Euro im Sicherheitsbaustein – also 70/30 bei 50.000 Euro Gesamtwert. Nun legen die Aktien in zwei guten Jahren um insgesamt 40 Prozent zu, der Sicherheitsbaustein um 4 Prozent. Der Aktienteil wächst auf 49.000 Euro, der sichere Teil auf 15.600 Euro – zusammen 64.600 Euro. Die Aufteilung liegt jetzt bei rund 76 zu 24. Ohne eine einzige Entscheidung ist das Depot spürbar aktienlastiger geworden: Ein Kursrutsch von 30 Prozent würde nun etwa 14.700 Euro kosten statt der ursprünglich einkalkulierten rund 10.500 Euro auf gleicher Depotbasis.
Zurück zur Zielaufteilung führt in diesem Beispiel eine Umschichtung von etwa 3.800 Euro vom Aktien-ETF in den Sicherheitsbaustein – oder, ganz ohne Verkauf: Die monatliche Sparrate fließt so lange komplett in den sicheren Teil, bis das Verhältnis wieder stimmt. Bei 500 Euro Sparrate wäre das nach gut einem halben Jahr erledigt. Das Beispiel zeigt auch, warum jährliches Prüfen reicht: Solche Verschiebungen bauen sich über Jahre auf, nicht über Wochen.
Zwei Methoden: Kalender oder Schwelle
- Kalender-Methode: Einmal im Jahr, an einem festen Termin, wird geprüft und zurückgesetzt. Vorteil: maximal einfach, keine ständige Depotbeobachtung. Für die meisten Privatanleger reicht das völlig.
- Schwellen-Methode: Gehandelt wird erst, wenn ein Baustein um einen festen Wert von der Zielquote abweicht – verbreitet ist eine Faustregel von rund fünf Prozentpunkten. Vorteil: Bei ruhigen Märkten passiert nichts, bei starken Bewegungen wird zeitnah reagiert.
- Kombination: Einmal im Jahr prüfen, aber nur handeln, wenn die Abweichung eine Schwelle überschreitet. So vermeidet man Mini-Umschichtungen, die nur Kosten verursachen.
Wichtiger als die Methode ist die Regelmäßigkeit: Ein fester jährlicher Termin – etwa der Jahresanfang oder der eigene Geburtstag – verhindert, dass aus der Wartung ein Markt-Timing-Spiel wird. Genau ein Blick pro Jahr ist auch für die Nerven die beste Dosis; ständiges Depot-Checken verleitet nur zu Aktionismus.
Die günstigste Reihenfolge: erst lenken, dann verkaufen
Verkäufe kosten – Ordergebühren und vor allem Steuern: Auf realisierte Kursgewinne fallen Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer an, soweit der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person (2.000 Euro bei zusammen veranlagten Paaren) ausgeschöpft ist. Deshalb gilt beim Rebalancing eine klare Reihenfolge:
- 1. Frisches Geld nutzen: Wer monatlich spart, lenkt die Sparraten einfach eine Zeit lang in den untergewichteten Baustein – ganz ohne Verkauf und ohne Steuer. Bei kleineren Depots reicht das oft schon aus.
- 2. Ausschüttungen umleiten: Wer ausschüttende ETFs hält, kann die Erträge gezielt in den zurückgebliebenen Baustein stecken – mehr zu den beiden ETF-Typen im Vergleich ausschüttend oder thesaurierend.
- 3. Erst zuletzt verkaufen: Reichen die ersten beiden Wege nicht, wird umgeschichtet – möglichst selten, in einer Order, mit Blick auf den noch freien Sparerpauschbetrag. Wie die Besteuerung von Fondsgewinnen grundsätzlich funktioniert, erklärt unser Beitrag zur Vorabpauschale.
Vor dem Verkaufen den Freistellungsauftrag prüfen: Wer seinen Sparerpauschbetrag im laufenden Jahr noch nicht ausgeschöpft hat, kann Gewinne bis zu dieser Grenze steuerfrei realisieren – das macht das Rebalancing im Zweifel komplett kostenlos.
Nicht verwechseln: Rebalancing ist keine Strategieänderung
Eine wichtige Abgrenzung zum Schluss: Rebalancing stellt die alte Aufteilung wieder her. Etwas anderes ist es, die Zielaufteilung selbst zu ändern – etwa den Aktienanteil zu senken, weil der Ruhestand näher rückt, oder ihn zu erhöhen, weil sich die Lebenssituation entspannt hat. Beides ist legitim, sollte aber eine bewusste, seltene Entscheidung sein und nicht mit der jährlichen Wartung vermischt werden. Wer beim Rebalancing-Termin jedes Mal auch die Zielquote „ein bisschen anpasst“, betreibt am Ende doch wieder Markt-Timing – nur mit besserem Gewissen.
Ganz ohne die jährliche Wartung kommen zwei Gruppen aus. Erstens: Wer sein gesamtes Aktienkapital in einem einzigen weltweiten ETF hält und den Sicherheitsbaustein auf Tagesgeld oder Festgeld führt, muss innerhalb des Aktienteils nichts ausbalancieren – dort erledigt der Index das selbst. Nur das Verhältnis zwischen Aktien-ETF und Sicherheitsbaustein will gelegentlich geprüft werden; wo die Reserve gut liegt, zeigt der Vergleich Tagesgeld vs. Festgeld. Zweitens: Multi-Asset- oder Lebenszyklus-Fonds halten ihre Aufteilung intern automatisch – dafür zahlt man allerdings meist höhere laufende Kosten.
Aufpassen sollte dagegen, wer über die Jahre mehrere ETFs, Einzelaktien und Themenfonds angesammelt hat: Dort verschieben sich nicht nur Aktien- und Sicherheitsquote, sondern auch Regionen- und Branchengewichte. Ein jährlicher Kassensturz nach dem Muster unseres Beitrags zu Gold im Depot und des Depot-Checks bringt solche Klumpen zuverlässig ans Licht.
Weiterlesen bei uns
- Depot-Check: 7 Fragen, mit denen du dein Portfolio ehrlich prüfst
- ETF-Sparplan für Einsteiger: In fünf Schritten zum ersten Welt-ETF
- Vorabpauschale: Warum dein ETF plötzlich Steuer kostet – und wie viel
Quellen
- Finanztip: Rebalancing – so bringst du dein Portfolio ins Gleichgewicht
- Finanztip: Indexfonds & ETF – Grundlagen
- Verbraucherzentrale: Sparen und Anlegen
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